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Arschbomben ins Selbstmitleid

Arschbomben ins Selbstmitleid

Single
Bock
vor 6 Monaten in

Bau ein Haus, pflanz einen Baum, mach ein Kind – dass dieser Lebensentwurf nicht zwangsläufig auf jeden Menschen zugeschnitten ist, beweisen die anonymen Liebesbriefe ans wunderschöne, elende Single-Leben. Ein Hoch auf Selbstgespräche, Dosen-Ravioli und Liebeleien.

Neulich hat mir jemand gesagt: «pass auf, dass du mit deinem Blog nicht nur Mitleid erweckst». In den letzten Wochen ist dieser Gedanke in mir so vor sich hin gegart und wie das so ist: jetzt bekomme ich ihn nicht mehr aus dem Kopf. Ich kann mir noch so oft sagen, dass ich vieles, was ich hier im Singleblog schreibe ja durchaus mit einem Augenzwinkern, wenn nicht gar mit zwei geschlossenen Augen formuliere. Nach reiflichen und (wohl auch zu) intensiven Überlegungen bin ich zum Schluss gekommen, dass uns Singles ja oft vor allem eines eint: Selbstmitleid. Bei dem Thema wohnen zwei Seelen in meiner Brust. Die eine verflucht mein Selbstmitleid und sieht darin den Ursprung allen Übels in meinem Leben. Die andere suhlt sich voller Wonne darin und erachtet mein Selbstmitleid als Herausforderung, an der Geist und Intellekt wachsen.

Wir Singles laufen aber auch gerne Gefahr, uns in «sich selbst erfüllenden Prophezeiungen» und dem damit einhergehenden Selbstmitleids-Teufelskreis zu verlieren.

Ich setze mich seit Monaten alle zwei Wochen hin und erzähle Euch von meinem Singleleben. Was habe ich gemotzt über Corona, Selbstzweifel und die unfaire Welt? Was habe ich mit Durchhalteparolen um mich geworfen und mir die Zeit nach Corona rosarot angepinselt? Im Moment stecke ich grad recht tief im Selbstmitleids-Morast fest. Ich fürchte mich davor, in meinem Singlehaushalt zu vereinsamen und finde immer ein Argument, den Aufwand zu scheuen, mich, wie Baron Münchhausen, an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen. Die dazugehörigen, mich in Antriebslosigkeit verharrend lassenden Dialoge in meinem Inneren sehen ungefähr so aus:

  • «Du könntest ja Freunde besuchen?» - «Näh. Die haben ihre eigenen Leben und sicher auch besseres zu tun, als sich um mich zu kümmern. Ich will denen nicht zur Last fallen.»
  • «Geh mal wieder aus» - «Näh. Um mich mit Corona anzustecken? Besser nicht.»
  • «Putz deine Wohnung. Mens sana in domus sanum (oder so) - «Näh. Kommt mich ja eh niemand besuchen.»

Die Liste ist beliebig erweiterbar. Jeder Einfall lässt sich vom inneren Schweinehund innert Sekunden relativieren und landet dann auf der mentalen Pendenzenliste.

Wie oben erwähnt: das Einzel-Synchronschwimmen im Selbstmitleidspool hat auch seine Verlockungen. Es ist doch auch mal schön, der Welt alle Schuld für das eigene Unglück in die Schuhe zu schieben. Einen besseren und emotionaleren Soundtrack als denjenigen zum Selbstmitleid gibt es eigentlich kaum. Welche wirklich berührenden und grossen Lieder, Gedichte, Opern und Geschichten sind denn bitteschön aus Glücksgefühlen entstanden? Was, wenn nicht Zweifel und Ohnmacht, haben die Menschheit dazu bewegt, Probleme zu lösen oder zumindest nach deren Lösung zu suchen? Man kann sich so wunderbar tiefgründig und nachdenklich mit sich und den vermeintlich grossen Fragen dieser Welt beschäftigen.

So weit so gut – was machen wir jetzt aber mit diesen zwei Ausprägungen? Welchen Weg sollen wir verfolgen und wo winken uns Erleuchtung und Glückseligkeit? Wenn ich das nur wüsste. Ich hätte wohl nur einen Ratgeber dazu schreiben müssen und könnte bis an mein Lebensende von den Einnahmen leben. So bleibt mir – wie so oft – nur, eine Vermutung zu äussern: Wahrscheinlich irgendwo in der Mitte. Welch grandiose Erkenntnis.

Mein Fazit vermag wohl niemanden wirklich aus den Socken zu hauen. Wenn ich Euch aber für ein-zwei Minuten unterhalten konnte und Ihr eingesehen habt, dass es mir auch nicht besser geht als Euch, dann habe ich zumindest ein kleines Ziel erreicht. Den Sinn des Lebens und den Weg zum Glück finden wir dann hoffentlich ein andermal.

Bis dahin: suhlt Euch in Selbstmitleid. Zieht Eure Runden darin, macht Arschbomben hinein, freut und ergötzt Euch daran. Vergesst aber nicht, rechtzeitig auch nach der Treppe Ausschau zu halten, um dann wieder auszusteigen.

Passt auf Euch auf

Euer Singlebock

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