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Sind Open Airs eine regelfreie Zone? 

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Single
Böckin

Bau ein Haus, pflanz einen Baum, mach ein Kind – dass dieser Lebensentwurf nicht zwangsläufig auf jeden Menschen zugeschnitten ist, beweisen die anonymen Liebesbriefe ans wunderschöne, elende Single-Leben. Ein Hoch auf Selbstgespräche, Dosen-Ravioli und Liebeleien.

Seit 1985 verwandelt sich das Tal des Lichts im Bündner Oberland für einige Tage in eine grosse Partyzone. Das Open Air Lumnezia zieht nicht nur das Bündner Volk, sondern Gäste aus der ganzen Schweiz an. Als Bündner Frau wirst du von jedem zweiten St. Galler und Zürcher gefragt, ob du Romanisch sprichst (nein, das kann man als Bündnerin nicht automatisch). Und sie versuchen, dich mit ihren mässigen ‹Bündnerdeutsch Künsten› zu begeistern. Bitte lasst es! Immerhin dauert es nicht lange, bis man eine genaue Beschreibung des Zeltstandortes bekommt und man sich mit einem ‹jo eh, bis spöter› verabschiedet.

Solch gesittete Begegnungen sind an einem Open Air jedoch eher selten. Je länger das Festival dauert, desto höher ist logischerweise auch der Pegel. Samstagnachts im Getümmel der Musikfans sind Arsch- und Busengrabscher dann gar nicht mehr so selten. Wenn man selbst erst zwei Bier intus hat, erntet man vom Gegenüber nur einen verwunderten Blick, wenn man ihm für den Grabscher eine Ohrfeige austeilt. ‹Han di jo nu wella umarma›, versucht das wankende Elend einem zu erklären, und man selbst versucht, angeekelt nicht über die eigenen Turnschuhe zu erbrechen. 

Apropos Würgereiz: Habt ihr schon mal die Open-Air-Pärchen im Konzertgetümmel beobachtet? Faszinierend, wie geknutscht und gefummelt wird, obwohl das Gegenüber erst wenige Sekunden zuvor ein paar Meter weiter den Mageninhalt entleert hat und das letzte Zähneputzen bereits drei Tage her ist. Man könnte mir jetzt Verbitterung vorwerfen, aber lasst mich zunächst weiter erzählen.

Ich freue mich für Menschen, die für kurze Zeit ihren Seelenverwandten finden. Schliesslich hab ich auch schon an Open Airs geknutscht! Aber - vielleicht ist es das Alter – wie schaffen es seriöse Bankangestellte, Krankenschwestern oder Autoverkäufer, aus ihren Anzügen und Kitteln zu springen und sich knutschend im Schlamm zu wälzen? Ist das Open-Air-Gelände eine Art regellose Zone, wo Unvernunft und Anarchie herrscht? Oder wie lässt es sich erklären, dass meine Kollegin einen Typen küsst - oder vielmehr er sie - und er dann seinem Kollegen klar macht, dass er seiner Freundin nichts erzählen soll? Oder gilt hier das Motto: «Was in der Val Lumnezia passiert, dass bleibt im Oberland?»

Während andere ein Fazit über die Konzerte am Open Air Lumnezia ziehen, kommt hier mein Single-Fazit: Knutschen zu toller Musik im strömenden Regen? Total romantisch! Schlamm verschmiert und ohne geputzte Zähne? Nicht (mehr) mit mir!

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