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Ein Pokal fürs Bla...?

Uhr
Single
Bock

Bau ein Haus, pflanz einen Baum, mach ein Kind – dass dieser Lebensentwurf nicht zwangsläufig auf jeden Menschen zugeschnitten ist, beweisen die anonymen Liebesbriefe ans wunderschöne, elende Single-Leben. Ein Hoch auf Selbstgespräche, Dosen-Ravioli und Liebeleien.

Kürzlich war ich in Chur «ais go schnappa». Ihr wisst, was das in der ältesten Stadt der Schweiz heisst: Man setzt sich mit ein paar Freunden – je nach Wetter – auf die Terrasse des einen oder anderen Gastronomiebetriebs und tut das, was Männer am besten können: Männer sein! Und nein, liebe Damenwelt, wir haben uns nicht an den Schritt gefasst, um die Wette gerülpst oder einander als Zeichen der Zuneigung angepupst. Wir sind uns dieses Klischees durchaus bewusst, doch die Realität sieht ganz anders aus. Liebe Frauen, wollt Ihr also Eure Vorurteile über unsere Etikette in grösseren Gruppen aufrecht erhalten, dann bitte ich Euch, folgenden kurzen Abschnitt zu überspringen.

Wir sassen also auf der Terrasse eines Lokals in der Churer Grabenstrasse, nippten an Whisky-Gläsern und Bierflaschen, rauchten die eine oder andere Zigarette und quatschten über den Job, die guten alten Zeiten und dann wieder ein wenig über den Job. Ziemlich unspektakulär, ich weiss. Aber so wars nun mal. Und ich spreche wohl für die ganze Gruppe, wenn ich sage, dass bis zu diesem Zeitpunkt ein toller Abend war. Wer jetzt irgendetwas Zotiges erwartet hat – tja, den muss ich leider enttäuschen oder besser gesagt, noch ein paar Zeilen vertrösten: Der Hammer kommt noch – im wahrsten Sinne des Wortes. Doch lassen wir die Damenwelt doch auch wieder an der ganzen Geschichte teilhaben.

Liebe Damen, für Euch noch die Version, welche wohl Eurer Vorstellung eines Männerabends entspricht: Wir haben uns bis auf die Unterhosen ausgezogen, sämtlichem weiblichen Service-Personal schöne und blutunterlaufene Augen gemacht. Zufrieden? Dann können wir ja wieder mit der wahren Geschichte weiterfahren...

Als wir uns alle kurz vor Mitternacht auf den Heimweg machten, beschlossen ein guter Freund aus der Runde und ich, noch auf einen kleinen Absacker in die einschlägigste der einschlägigen Bars zu gehen (wer nicht weiss, von welcher Bar ich spreche, ist kein/e echte/r Churer/in, Punkt!). Dort, keine 100 Meter von unserer ersten Einkehr entfernt, sah die Welt doch etwas anders aus. Ein bisschen lauter, ein bisschen beduselter – der geübte Ausgänger hätte der Szenerie das Prädikat «feuchtfröhlich» verliehen. Doch was wären wir für Männer, wenn wir nicht auch in diesem Habitat über Job, Wohnungssuche und Zivilschutz sprechen könnten. Pah, wäre doch gelacht! Also rein in die Bar, rasch zwei Whisky bestellt und schnell wieder raus an einen der schmucken, latent «gaagelnden» Stehtische. Ein helles Klingen aneinander stossender Gläser, ein bedachtes «Viva!» und die Diskussion konnte eigentlich auch schon starten. Hätte uns da nicht dieser grau-melierte sturzbetrunkene Hüne in seinem Durchfall-braunen T-Shirt angerempelt und mit Beleidigungen jenseits von Gut und Böse eingedeckt. «Kai Sach! Dä schissts mora morga gnuag ah...», denke ich mir noch und versuche, mich der geplanten Diskussion zu widmen. Keine Sorge, die Zote kommt gleich, Freunde!

Doch der besoffene Zwei-Meter-Gagel liess jedoch nicht locker und prügelte weiter verbal auf uns ein. Da der Klügere bekanntlich nachgibt, beschlossen wir kurzerhand, den Whisky Whisky sein zu lassen und uns auf den Heimweg zu begeben. Und da geschah das, was mich immer noch kopfschütteln lässt: Meister Gagel entdeckte eine etwa drei Köpfe kleinere Frau – ebenfalls jenseits der Fahrtüchtigkeit — und begann, dieser Avancen zu machen. Also wenn man in seinem Zustand überhaupt noch von Avancen sprechen konnte. Es folgt der praktisch ungekürzte Dialog mit dem Satz, der mich bis an mein Lebensende begleiten wird:

Meister Gagel: «Hey, miar kennen üs doch, oder?»
Sie: «Jooo, miar sind zäma ind Gwerbschual, waisch no?»
Er: «Söttig wia di hani sechzehn ufs mool kah damols! Und jetz?»
Sie: «Wärsch vor zwanzg Johr koh, denn hätti di mitgno.»
Er: «Ah, fick di! Mainsch kasch besser blosa als mini Frau?»
Sie: «Sicher!»
Er: «Fick di!»
Sie: «Mol sicher!»
Er: «Kumm, zaig! Du bisch sicher so aini wo kann bloosa, aber für a Pokal langts nid.»
Sie: «Sona Totsch!»

Gespräch Ende.

Können wir mal kurz alle Ebenen der Verwerflichkeit durchgehen, welche dieses Gespräch erreicht hat?

Erstens: Meister Gagel ist verheiratet und fragt andere Frauen nach ihren Qualitäten in Sachen Oralsex. Geht gar nicht.

Zweitens: Meister Gagel entgegnet der Affirmation seines Gegenübers mit einem: «Fick di!». Echt jetzt? Mehr ist Dir nicht eingefallen? Und überhaupt, was jetzt? Blasen oder doch Koitus? Und dann soll sie zweiteres mit sich selbst ausführen? Entscheid Dich doch, grosser Mann.

Drittens: Auf abermalige Affirmation der Dame fordert Meister Gagel (wohlgemerkt immer noch verheiratet) einen Tatbeweis. Kollege... Uns fehlen die Worte.

Viertens: Meister Gagel scheint der Frauenwelt Pokale für Liebeskünste zu verteilen. Vielleicht, also wirklich nur vielleicht, ganz, ganz, ganz versteckt irgendwo im innersten seiner Seele wertet Meister Gagel dies ja als ein Kompliment sondergleichen. Trotzdem würde der gemässigte Durchschnittsmensch von solchen «Komplimenten» abraten und zwar – aus Gründen. Ich für meinen Teil würde soweit gehen, ein subtiles «Säg mol, häts diar total ins Hirn gschissa, Du huara Aff!?» zu äussern.

Liebe Frauen, ich entschuldige mich an dieser Stelle im Namen des oben genannten Herrn für diesen und ganz, ganz viele weitere verbale Fehltritte, die Ihr regelmässig in Bars, Clubs und anderen Festivitäten unfreiwillig entgegennehmen müsst. Das kann und soll man auch nicht schönreden. Aber Ihr könnt Euch im Gedanken trösten, dass solche «Komplimente» selten ohne eine Hintergrund-Story ausgesprochen werden - auch wenn das die Sachlage nicht entschärft. Doch vielleicht wurde dem grossen, taumelnden Herrn vermehrt die Goldmedaille für den schnellsten Sprint im Bett oder der rosarote Knebel für das dümmste Mundwerk verliehen. Zumindest letzteres hätte er verdient...

Mit einem grossen Sorry und ganz viel Liebe

Der Bock

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