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Spitzensport Speed-Dating

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PIXABAY
Single
Böckin

Bau ein Haus, pflanz einen Baum, mach ein Kind – dass dieser Lebensentwurf nicht zwangsläufig auf jeden Menschen zugeschnitten ist, beweisen die anonymen Liebesbriefe ans wunderschöne, elende Single-Leben. Ein Hoch auf Selbstgespräche, Dosen-Ravioli und Liebeleien.

Heutzutage gehört digitales Dating zum guten Ton. Tinder, Lovoo, Once oder Paarship sind nur einige Beispiele für Plattformen bzw. Apps, mit welchen man die grosse Liebe oder zumindest etwas Vergnügen sucht. Ich, seit wenigen Monaten ebenfalls Single, konnte mich für diese Welt noch nicht wirklich erwärmen. Ich habe wohl noch die romantische (Traum-)Vorstellung, dass mir der Traumprinz oder etwas in dieser Art auf der Strasse, beim Bäcker oder bei Freunden über den Weg läuft.

Als mich eine Freundin kürzlich fragte, ob ich – ausserhalb des Kantons – zum Speed-Dating kommen würde, zögerte ich kurz. Mein – noch vorhandener – junggebliebener Teil schrie mir jedoch entgegen: «YOLO - you only live once». Deshalb liess ich mich auf den Versuch ein. Ich sah es als einen Punkt auf meiner eigentlich nicht wirklich vorhandenen Bucket-List.

Ja oder nein?!

An einem schönen Sonntagabend – ja, an einem Sonntagabend – fand ich mich zusammen mit sieben anderen jungen Frauen und elf Männern in einer Bar wieder. Ich liess mir das Prozedere erklären und war mir kurzzeitig nicht sicher, ob ich mir das Ganze wirklich gut überlegt hatte.

Wenige Minuten später sass ich an einem Tisch mit der Nummer 2 und hatte eine Karte vor mir, auf welcher ich in den kommenden 66 Minuten den Nicknamen meines Gegenübers, seine Nummer (nicht seine Telefonnummer, sondern seine Dating-Nummer) und die Bewertung (will ich ihn kennenlernen Ja oder Nein) notieren sollte.

Mit einem alkoholischen Getränk in der Hand und meiner Karte griffbereit lernte ich Mann Nummer 1 kennen. An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass ich mir vorgenommen hatte, zu jedem Gegenüber freundlich zu sein. Meine Kolleginnen hatten da andere Vorsätze. Aber lassen wir das und kehren zurück zu Mann Nummer 1.

Er war blond, etwas schüchtern und glich – vor allem rund um die Augenpartie – leider Syd, dem Faultier aus «Ice Age». Wie bereits erwähnt, nahm ich mir vor, jedem meine Aufmerksamkeit zu schenken und freundlich zu sein. Also strahlte ich ihn an und erkundigte mich nach seinem Wohlbefinden. Er lächelte schüchtern zurück und begann mir sogleich von seinem Jobwechsel zu erzählen und dass er jetzt 500 Franken mehr verdienen würde. Huch, hätte ich meinen Lohnausweis mitnehmen sollen? Oder doch meinen Kontoauszug? Leicht irritiert versuchte ich das Gespräch in andere Bahnen zu lenken. Unverfänglich fragte ich nach seinen Hobbies und wie er es mit Reisen halte. Ihm habe bisher der passende Partner für Reisen ins Ausland gefehlt, erklärte er mir leicht wehmütig. Mein mütterlicher Instinkt trieb mich beinahe dazu, seine Hand zu packen und ihm die Welt zu zeigen. Die Glocke, welche das Ende des Gesprächs signalisierte, hinderte mich glücklicherweise daran.

Mann Nummer 2 war leider nicht minder scheu, aber wirkte zumindest so, als hätte er wenigstens auch ausserhalb des Speed-Datings den Mut, sich mit Frauen zu unterhalten. Kommen wir also zu Mann Nummer 3. Von diesem Herrn werde ich wohl noch meinen Enkelkindern erzählen. Also, wenn es jemals zu Enkelkindern kommen sollte.

Wann läutet nur die Glocke?

Der Herr war bereits 38 Jahre alt und versicherte mir – ungefragt! – dass er bereits alles in seinem Leben erreicht hatte. Er habe erst kürzlich ein Haus am Rande des Kantons Zürich gekauft. Dort könne man sich dies noch leisten. Zum Glück würden ihm also nur noch Frau und Kinder fehlen. Meine Alarmglocken läuteten bereits bedenklich laut, da fragte er mich doch tatsächlich, was meine kurz- und mittelfristigen Ziele im Leben seien. Ich versuchte – wir erinnern uns, dass ich stets freundlich bleiben wollte – ihm nett aber bestimmt zu erklären, dass ich wohl nicht seine künftige Ehefrau werden wollte.

Mann Nummer 4 war dann eigentlich ganz nett. Aber wir wissen ja, was nett heisst… Spektakulär war dafür Mann Nummer 5. Ich nenne ihn gerne den Budda-Typen, da er einen doch sehr weichen Körperbau aufwies. Dazu kam sein ausweichender Blick, welcher jedem aufgeschreckten Reh Konkurrenz machte. Auch hier fragte ich wieder freundlich nach dem Wohlbefinden. Und auch hier stellte sich diese Frage als Fehler heraus. Mit einem Seufzen erzählte er mir von seiner ach so strengen Woche als Elektromonteur. Ausserdem erklärte er mir in diesem Zusammenhang die Gefahren von Strom. «Aha», dachte ich mir nur und war froh, dass das Speed-Dating auch noch lehrreich war. Ich machte mich nun auf sechs Minuten – so lange dauerte nämlich eine Gesprächseinheit – Gejammer gefasst. Aber ich hatte doch so Unrecht. Nach der Jammerei wollte er mich dann wohl nicht nur mit seinem Job sondern auch mit seinen Hobbys beeindrucken. Mir fiel es schwer ernst zu bleiben, als er mir erzählte, dass er Kampfsport, genauer MMA, ausübe. Als ich meine Gesichtszüge unter Kontrolle hatte, beging ich jedoch einen fatalen Fehler.

Ich fragte doch tatsächlich nach, was MMA sei. Für alle, die so ahnungslos wie ich sind: Es handelt sich hierbei offenbar um Kämpfen in einem Käfig – und zwar ohne Regeln! Dies wurde seinerseits deutlich betont. Nun war es an der Zeit einen tiefen Schluck meines alkoholischen Getränks zu versuchen. Er erzählte währenddessen mit viel Leidenschaft von seinem Hobby und ich machte mir bereits sorgen, dass er mir einige Techniken noch am Tisch zeigen würde, als endlich die Glocke läutete.

«Puh, einmal durchatmen», dachte ich mir. Aber da durfte ich bereits den Highlight-Typen des ganzen Speed-Datings kennen lernen. Nur damit es klar ist, dieser Satz trieft gerade vor Ironie. Der Herr hatte wohl alle Dating-Ratgeber des letzten Jahrhunderts verschlungen. Anders konnte ich es mir nicht erklären, dass er doch tatsächlich mit einem Hund am Speed-Dating auftauchte. An dieser Stelle sei betont: Ja, wir Frauen werden bei Vierbeinern schwach, aber bitte nicht während eines Speed-Datings!

Natürlich drehten sich die ersten Minuten nur um den Hund. Er – also der Mann – fragte dann natürlich auch, ob ich ein Haustier besitzen würde. Ich erklärte ihm, dass mir leider die Zeit dafür fehlen würde. Aber mit etwas Stolz in der Stimme verkündete ich ihm, dass ich auch schon im Besitz von Hamstern war. Kennt Ihr den Gesichtsausdruck, wenn man einen Haufen am Boden sieht? Genau so starte er mich an und fragte: «Also Du hattest als Kind Hamster?»

Ich verzichtete darauf, ihm zu erklären, dass ich meinen letzten Hamster mit stolzen 18 Jahren hegte und pflegte. Auch hier sei betont, dass ich trotz dieses Affronts immer noch freundlich blieb. Was dann allerdings passierte, kann ich immer noch nicht fassen. Der Typ fragte mich doch tatsächlich, was ich für ein Tier werden möchte, falls ich wiedergeboren werden sollte. Ich wurde kurzerhand leicht panisch und mein Hirn versuchte sich an irgendein Tier zu erinnern. Was ich antwortete, wird wohl in das Legendenbuch meiner Freunde eingehen. Mir fiel doch tatsächlich kein besseres Tier als ein Wal ein. Man stelle sich dies einmal vor! Ich versuchte es mit der Ruhe im Wasser und den wenigen natürlichen Feinden zu begründen und musste irgendwie über mich selbst lachen. Irgendwie passte ich wohl genau so wenig in diese Szenerie wie ein Wal.

Auch hier läutete die Glocke – zwar gefühlt etwas spät, aber immer noch rechtzeitig. Die nachfolgenden Männer waren zwar überhaupt nicht mein Fall, aber immerhin ganz nette Gesprächspartner. Nach 66 Minuten war der Zauber vorbei. Ich hatte mich bei zwei Herren zu einem Ja durchgerungen. So oberflächlich dies nun klingen mag, aber der Arzt und der Unternehmensberater in der Runde schienen optisch zwar nicht 100 Prozent meinem Beuteschema zu entsprechen, aber die Gespräche waren sehr unterhaltsam. Beide gaben mir übrigens ebenfalls ein Ja und zumindest reichte es für eine kurze Unterhaltung via WhatsApp.

Mein Fazit? Speed-Dating fühlt sich an wie Spitzensport und ich hätte wohl mit zehn der elf Männer niemals ein Wort gewechselt, wenn ich sie nicht vorgesetzt bekommen hätte. Eigentlich schade. Denn trotz einiger Eigenarten war die Mehrheit nämlich ganz nett.

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