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Meine 4 Schlüsselerlebnisse mit der Eisenbahn

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Übersicht Verkehrsverbindungen im Alpenraum. BILD ZVG
Hans Peter
Danuser

Hans Peter Danuser und Amelie-Claire von Platen sind im Engadin zu Hause und zeigen uns ihren Blickwinkel. Was bewegt Land und Leute? Wo ist das Engadin stark und wo hinkt es einzelnen Mitbewerbern hinterher? Und was geschieht auf politischer Bühne? Der Blog «Engadin direkt» berichtet persönlich und authentisch.

Warum setze ich mich als Oberengadiner und Felsberger derart für die Eisenbahnverbindung Vinschgau - Engadin ein? Das ist kein seniler Spleen, sondern geht auf vier persönliche Schlüsselerlebnisse mit der Eisenbahn zurück:

Juni 1982, Realp

Eröffnung des Furka-Tunnels. Marschmusik und Bundesrat. Zusammen mit meinem Kurdirektor-Kollegen von Zermatt verteile ich kleine Prospekte vom Glacier Express, der wegen des Tunnelbaus sieben Jahre ausgefallen war. Kein Mensch der Festgemeinde weiss noch, was das ist, und die drei Bahndirektoren der RhB, FO und BVZ haben ein schlechtes Gewissen, weil man wegen des Tunnels den Rhone-Glacier nicht mehr sieht.

Seither sind über acht Millionen Passagiere aus der ganzen Welt mit dem Glacier Express gefahren – bis zu 1/4 Mio pro Jahr, und sie zahlen in der neuen Excellence Class 700 Franken für die acht Stunden Panoramafahrt. Das ist echte Wertschöpfung in sogenannt potential-armen Bergregionen!

November 1999, ob Klosters

Eröffnung des Vereina-Tunnels in Selfranga und Sagliains im Engadin. Das Alphorn Ensemble Engiadina St Moritz hat dazu 222 Bläser/innen aus der ganzen Schweiz eingeladen. Ihre Alphörner gelten für zwei Tage in der SBB, RhB und den Postautos als Billets zweiter Klasse.

Die Oberengadiner hatten in der Abstimmung FÜR den Tunnel (ins Unterengadin) gestimmt, die Unterengadiner dagegen. Mit unseren Klängen zur Eröffnung wollten wir sie etwas trösten....

Über 200 Bläser/innen in Tracht aus praktisch allen Kantonen, bei Kaiserwetter im Neuschnee - ein Rekord für die Geschichte und Bilder für die Welt!  Heute, 20 Jahre später, ist der 'Vereina' eine Erfolgsgeschichte, und kein Engadiner oder Bündner möchte ihn missen.

5. Mai 2005, Mals

Eröffnung der neuen Vinschgerbahn und der neuen Postauto-Express-Verbindung Zernez-Mals, die dank einer legendären Sitzung vom 22. Dezember 2004 innert 4 1/2 Monaten möglich wurde, grenzüberschreitend notabene - auch ein Weltrekord. Heute zählt die Linie zu den gut ausgelasteten der Schweizer Postautos und wurde gerade wieder optimiert und ausgebaut.

Die meisten Touristiker und Hoteliers zwischen Meran und Mals waren gegen die Eisenbahn und wollten eine Autobahn. Bereits im dritten vollen Betriebsjahr (2008) verzeichnete die Vinschgerbahn (die 1991 stillgelegt wurde) über eine Mio. Passagiere. Dieses Jahr erreicht sie über 2 Mio, wird gerade elektrifiziert und fährt durchgehend bis Bozen und Innsbruck – alles feine Stadler-Rail Züge aus der Schweiz.

Und in diesem Zusammenhang folgt mein viertes Schlüsselerlebnis mit der Eisenbahn:

24. August 2019, St. Moritz

In der Neuen Zürcher Zeitung lese ich einen großen Bericht über die 'reichste Provinz Italiens'.

Mit 530'000 Einwohnern und einem Pro-Kopf-Einkommen von 44'000 Euro pro Jahr wächst die Wirtschaft Südtirols seit Jahrzehnten. Und jetzt kommt's: Der Regierungs-Chef, Landeshauptmann Kompatscher will «die Vinschgerbahn elektrifizieren und diese über Mals hinaus nach Scuol verlängern.» Dafür ist er «bereit, den Eidgenossen bei der Finanzierung entgegenzukommen».

In weiteren Verlautbarungen in Südtiroler Medien quantifiziert er sein Entgegenkommen bis zu 75 % der Gesamtkosten sowie Unterhalt und Betrieb (Normalspur), die ja bei Vereina- und Furka-Tunnel jährlich stark die Rechnung belasten.

In Brüssel präsentierte Kompatscher die fehlenden 26 Bahnkilometer von Mals bis Scuol als beispielhaftes, grenzüberschreitendes KLIMA-Projekt: 19 Kilometer im Berg (keine Landschaftsbelastung, kein Lärm), nur sieben Kilometer Außen-Trassee nach Mals und vor Scuol.

Das ist Musik in den Ohren der Schweizer, die Furka, Vereina, die ganze NEAT mit Gotthard-Basistunnel, Ceneri und Lötschberg für weit über 20 Mia CHF selber finanziert haben und Deutschland wie Italien im Ausland noch die Zufahrtsstrecken vorfinanzieren müssen.

Wenn tatsächlich die Möglichkeit besteht, für Größenordnung 300 Mio CHF eine durchgehende Eisenbahnverbindung von Landquart nach Bozen zum Brenner Basistunnel und in die wirtschaftlich boomende östliche Po-Ebene zu realisieren, gilt es, diese Chance zu packen und Nägel mit Köpfen zu machen!

Es ist nicht das erste Mal, dass Graubünden eine solche Gelegenheit hat. Vor 200 Jahren, nachdem das Veltlin am Wiener Kongress 1815 definitiv an Österreich/Habsburg verloren ging, fragte der Kaiser die Bündner Regierung an, ob Österreich auf eigene Kosten die Passstraße von Chiavenna nach Splügen bauen dürfe, um die neue Militärstraße von Mailand über Stilfserjoch und Reschenpass nach Wien zu befruchten. Die Bündner überlegten nicht lange und möchten den ausgebauten Splügenpass seither nicht mehr missen.

Was damals die Militärstrasse, ist heute der Brenner Basistunnel: eine historische Chance, die 'Chur' zusammen mit der Ostschweiz und 'Bern' jetzt beherzt packen und realisieren sollte. Auch 'Bozen', 'Rom' und 'Brüssel' stehen heute und in den nächsten Jahren zweifach unter Druck: Klima ('Green Deal') und Corona (Finanzen). Die Eisenbahnverbindung Vinschgau - Engadin passt perfekt in diese strategische Konstellation. Die Zeit ist reif für das letzte Teilstück einer touristischen Ostalpenbahn.

Wenn das Projekt in der aktuellen Planungsphase 2020/21 aufgeschient wird, kann es frühestens 2032 fertig sein. Der Brenner Basistunnel soll 2028 eröffnet werden.

 

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