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Gut altern im Engadin

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Jahrgangsbaum St. Moritz 2018, Einwohnerdienste Gemeinde St. Moritz
Hans Peter
Danuser

Hans Peter Danuser und Amelie-Claire von Platen sind im Engadin zu Hause und zeigen uns ihren Blickwinkel. Was bewegt Land und Leute? Wo ist das Engadin stark und wo hinkt es einzelnen Mitbewerbern hinterher? Und was geschieht auf politischer Bühne? Der Blog «Engadin direkt» berichtet persönlich und authentisch.

Ich lese gerade ein Buch über das Geheimnis der Hundertjährigen. Das Thema ist zur Zeit hip, und der Band hält, was der kurrlige Titel verspricht: 'Das kluge, lustige, gesunde, ungebremste, glückliche, sehr lange Leben': kurzweilig, inspirierend, amüsant und immer wieder überraschend.

Wie bleiben wir bis ins hohe Alter rüstig und geistig fit? Worauf kommt es an für ein gutes, erfülltes Leben? Zwei ehemalige «Spiegel»-Redakteure sind diesen Fragen nachgegangen und haben während Jahren systematisch auf der ganzen Welt Hundertjährige besucht und befragt, darunter auch einige Schweizer.

Patentrezepte haben sie keine herausgefunden. Aber verschiedene Muster, Erfahrungswerte und gemeinsame Nenner. Geld gehört jedenfalls nicht dazu. Dafür Glück, Familie und Freunde, eine positive, optimistische Einstellung, vernünftige Ernährung, viel Bewegung, frische Luft und gesunden Menschenverstand.

Die erreichten und oft überschrittenen 100 Lebensjahre waren Hauptkriterium und 'Leistungsausweis' bei der Wahl der Interviewpartner. Das macht deren Aussagen auch derart glaubwürdig und stark.

Die bekannte Altersmedizinerin Heike Bischoff-Ferrari vom Unispital Zürich unterscheidet zwischen der statistischen (80 bis 84 Jahre) und der gesunden Lebenserwartung, die in der Schweiz 74 Jahre beträgt, gegenüber z.B. 69 Jahren in den USA (TA v. 8. 2. 2020, S. 56).

100 Jahre liegen da doch einiges höher und sind entsprechend selten, wenn der Anteil auch laufend wächst. Und die Rezepte dazu sind keineswegs immer im Sinne von Frau Professor Bischoff-Ferrari. Die 108-jährige New Yorkerin Helen Kahn z.B. mag weder Salat noch Gemüse, liebt Hamburger, Schokolade, Cocktails und hat 80 Jahre lang geraucht. Der 100-Jährige Walter Diethelm wiederum teilt die Meinung Bischoff-Ferrari's, dass Spaß und Humor wichtig sind: «Man sollte sündigen, aber nicht zuviel» (TA).

Nach so anregender Lektüre wollte ich natürlich wissen, wie es bezüglich Hundertjährigen im Engadin steht. Aktuell sind 10 St. Moritzer Einwohner über 95 Jahre alt – vier Frauen und sechs Männer.

Die durchschnittliche Lebenserwartung ist heute gut doppelt so hoch wie vor 150 Jahren, als St. Moritz noch ein Bergbauerndorf war.

Der beistehende, statistische «Jahrgangsbaum» von St. Moritz stammt aus dem Jahre 2018. Ich sah diesen zum ersten Mal in meinen gut 40 Jahren Engadin und staune über seine Zahlen und Relationen.

Am 31. 12. 2018 hatte St. Moritz 5068 Einwohner, wovon 3007 Schweizer und 2061 Ausländer mit B- oder C-Bewilligung. Zusammen mit den Kurzaufenhaltern und Grenzgängern beträgt das Total 8369 Personen, von denen 64% Nicht-Schweizer sind.

Wie dieses Total nach den Kriterien Geschlecht und Schweizer/Ausländer statistisch aussieht, zeigt die graphische Darstellung des Jahrgangbaums sehr eindrücklich. In den «aktiven» Jahrgängen von 16 bis 61 überwiegen die Nicht-Schweizer stark, was die ausgeprägte Saisonalität eines grenznahen Ferienorts auf 1856 m ü M spiegelt. Ohne Nicht-Schweizer stünde St.Moritz weitgehend still.

Welch' ideale Voraussetzungen das Oberengadin bietet, um bis ins hohe Alter rüstig und geistig fit zu bleiben, zeigt Heini Hofmann's Standardwerk «Gesundheits-Mythos St. Moritz» überzeugend und eindrücklich.

In der Santasana-Kommunikation, bei der es primär um die Stärkung von Herz und Kreislauf geht, zitieren wir gerne bekannte Stammgäste, die von der gesundheitsfördernden Landschaft, Luft, Höhenlage und dem Mineralwasser des Engadins schwärmen – Balsam für Körper, Geist und Seele.

Dass man auch anderswo gut altert, zeigt meine Tante Clärli in Domat Ems. Sie feierte vor zehn Tagen ihren 98. Geburtstag in Felsberg – bei bester Gesundheit in guter Gesellschaft.

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Der St. Moritzer Lebensbaum — soooo spannend. Da sind doch glatt in der beruflich aktiven Zeit glatt fast doppelt so viele ausländische Männer im Dorf wie Frauen. Sooo ein Ungleichgewicht — wie wirkt sich das auf das Dorfleben aus? Oder es scheint, dass nach etwa 60 sehr viele AusländerInnen das Dorf verlassen — im Ursprungsland das Alter zu verbringen ist meist günstiger als in St. Moritz. Und das hat dann Auswirkungen auf die benötigten Plätze in Pflegeheimen und so. Ich weiss von der Bevölkerungsstatistik von Silvaplana, dass da die Anzahl SchweizerInnen seit Jahrzehnten etwa gleich blieb, diejenige der AusländerInnen oder Nicht-Schweizer, wie sich H.P. Danuser ausdrückt, aber fast stetig gestiegen ist. Ich weiss aber auch, dass der Grossteil der SchweizerInnen ebenfalls zugewandert sind. Und von ihnen verlassen viele das Engadin dann auch wieder, wenn sie pensioniert werden. Aber das war nicht das Thema, schon klar.