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Badefreuden in den Alpen

Uhr
ELVIS
Hans Peter
Danuser

Hans Peter Danuser und Amelie-Claire von Platen sind im Engadin zu Hause und zeigen uns ihren Blickwinkel. Was bewegt Land und Leute? Wo ist das Engadin stark und wo hinkt es einzelnen Mitbewerbern hinterher? Und was geschieht auf politischer Bühne? Der Blog «Engadin direkt» berichtet persönlich und authentisch.

Spätestens im Mai ist auch in den höchstgelegenen Ferienorten die Skisaison vorbei, und viele wenden sich den Badefreuden zu, auch in den Alpen. Zum Wandern und Bike ist es oben noch zu früh und die Flüge zu den üblichen Strandferien sind manchen etwas suspekt, seit bekannt ist, wie übel sie dem Klima schaden …

Wir erinnern uns, dass in den letzten Jahrzehnten einige Alpenorte viel Geld in Bäder-Angebote investiert haben, die wir in den nächsten Wochen allenfalls ausprobieren möchten. Ich habe mich bei vier Zentren schlau gemacht, deren Entwicklung ich in den letzten Jahren beobachtet habe, die sich durch ihre (Höhen-)Lage stark unterscheiden: Meran (330 m ü. M.), Aqua Dome im Ötztal (1170 m ü. M.), Scoul im Unterengadin (1270 m ü.M.) und St. Moritz im Oberengadin (1775 m ü. M.).

Der Porsche unter den Alpenbädern ist für ich mich die Therme Meran. Dabei war die ehemalige Sommerresidenz der Churer Fürstbischöfe bis Anfang der 1970er Jahre primär Klimakurort und wandte sich erst dann dem Wasser zu. Die Ende 2005 eröffnete Therme kostete damals 40 Mio. Euro und wird seither von der Direktorin Dr. Adelheid Stifter geführt. Mit grossem, anhaltenden Erfolg: durchschnittlich 1100 Besucher pro Tag ergeben deren 400‘000 im Jahr – weit mehr als geplant. Deshalb hat die Therme gerade wieder 8 Mio. Euro in Erweiterungen investiert, zum Beispiel mit einem «Vista-Pool» auf dem hohen Glas-Flachdach. Zusammen mit den jährlichen Investitionen erreicht die bisherige Totalsumme gut etwa 65 Mio. Euro, was auch die St. Moritzer Ovaverva etwa gekostet hat, allerdings auf 1775 m ü.M. und ohne den riesigen Outdoor-Bäderpark der Therme Meran, der mit all seinen Pools, Seen und Palmenhainen von Mai bis Oktober stark frequentiert wird – auch von Einheimischen.

Meran hat 40‘000 Einwohner, mit den umliegenden Ferienorte gar deren 70‘000. Die Region verzeichnet jährlich gegen 7 Mio. Übernachtungen. Um diesen «Gästekuchen» möglichst direkt der Therme zuzuführen, arbeitet Stifter mit gut 150 Partnerbetrieben der Hotellerie und Parahotellerie zusammen.

In den vergangene 15 Jahren hat sie gegen zwanzig Heilprodukte lanciert, die auf typischen Südtiroler Erzeugnissen basieren, von Apfel, Edelweiss, Traube und Sanddorn bis zum Laaser Marmor. Trotz der hohen Besucherzahlen gelingt es der Therme, die hohe Qualität der Angebote zu halten und innovativ zu bleiben. Sie ist 365 Tage im Jahr offen und mit 120 Mitarbeitern ein wichtiger Wirtschaftsmotor und Imageträger Südtirols.

In Nordtirol zwischen Innsbruck und der Schweizer Grenze liegt das Ötztal, das durch den Ötzi und Sölden sehr bekannt geworden ist. Seit 15 Jahren trägt auch der Aqua Dome zum Ruhm der Region bei. Eine Investorengruppe um die Bergbahnen Sölden und die Raiffeisen Bank investierte 2004 73Mio. Euro in eine gewaltige Bäderanlage und stockte 2012 weitere 20 Mio. sowie 2017 nochmals 6,5 Mio. auf, insgesamt also rund 100 Mio. Barbara Krabath, von Anfang an dabei, präsentiert mir erstaunliche Resultate: 365 Tage offen, 300‘000 Tagesgäste und 240 Mitarbeiter. Zugpferde sind das Thermenhotel und die spektakulären Schalenbecken im Aussenbereich, dessen Liegewiese und Anlagen gerade auch im Sommer stark frequentiert werden. VIP-Tages-Tickets mit allem Drum und Dran von 9 bis 23 Uhr für 125 Euro sind der Renner.

Aqua-Dome arbeitet eng mit 300 Partner-Betrieben zusammen, die zum Teil auch im Inntal etabliert sind. Der Aqua Dome ist eine Erfolgsstory, die das Tal zur Ganzjahres-Destination gemacht hat.

Verlassen wir das Ötztal und fahren dem Inn entlang in die Schweiz, erreichen wir bald einmal den traditionellen Bäderort Scoul im Unterengadin. 1993 ersetzte dieser die alten Anlagen mit dem modernen und attraktiven Bäderkomplex Bogn Engiadina – für 50 Mio CHF. Das war für einen 2‘000 Seelenort eine gewaltige Summe, machte sich aber bezahlt. In den letzten 15 Jahren kamen weitere 15 Mio. an Investitionen dazu, die das Angebot ergänzten und verbesserten. Trotz einer Talbevölkerung von weniger als 10‘000 Einwohner verzeichnet das heutige Bogn Engiadina mit 35 Mitarbeitern gegen 200‘000 Besucher pro Jahr. Vier gut geführte und ausgelastete Hotels mit Direktzugang zum Bad sowie 30 aktiven Partnerhotels tragen stark zum Erfolg bei. Als einziges der vier Bäderzentren bietet das Bad von Scoul seinen Gästen ausschliesslich reines Mineralwasser.

Das höchstgelegene Sport- und Hallenbad der Alpen in dieser Grössenordung ist seit fünf Jahren die Ovaverva in St. Moritz-Bad. Sie hat 67 Mio. CHF gekostet und verzeichnet rund 150‘000 Besucher pro Jahr. Trotz der langen Zwischensaisons auf dieser Höhe ist die Ovaverva elf Monate im Jahr offen. Architektonisch gefällt mir das weisse St. Moritzer Bad mit seinen eleganten Säulen am besten von allen. Seine Bewirtschaftung ist angesichts der kleinen Bevölkerung (5‘000 Einwohner in St. Moritz plus gut 13‘000 in der umliegenden Region), der Höhenlage sowie weiterer Bäder in Pontresina und Samedan allerdings eine grosse Herausforderung. St. Moritz kann sich das schöne und teure Bad leisten, sollte sich nun aber vermehrt auf die Vermarktung konzentrieren. Die benachbarten Hotels Laudinella und Reine Victoria schaffen zusammen zwar 125‘000 Logiernächte pro Jahr, müssten aber mit vielen weiteren Partnerbetrieben ergänzt werden. Da die Ovaverva vom benachbarten Heilbad und dem Kempinski Komplex getrennt ist, entfallen viele Synergien, von denen die anderen drei Bäder profitieren.

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