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St. Moritz dazwischen

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St. Moritz - Ort der Kunst mitten im Frühling. Im Bild «Ave Maria bei der Überfahrt» von Giovanni Segantini.
WIKIPEDIA
Hans Peter
Danuser

Hans Peter Danuser und Amelie-Claire von Platen sind im Engadin zu Hause und zeigen uns ihren Blickwinkel. Was bewegt Land und Leute? Wo ist das Engadin stark und wo hinkt es einzelnen Mitbewerbern hinterher? Und was geschieht auf politischer Bühne? Der Blog «Engadin direkt» berichtet persönlich und authentisch.

St. Moritz zwischen Winter und Sommer ist eine Welt für sich. Die Nebensaison auf 1856 m ü. M. ist lang und dauert von Anfang April bis Mitte Juni. Das war schon immer so, wird mir aber erst richtig klar, seit ich aus familiären Gründen wöchentlich zwischen Engadin und Comersee pendle, der auf 200 m ü. M. liegt. Die Fahrt dauert knapp eineinhalb Stunden, etwa wie von St. Moritz nach Chur. Der Kontrast ist extrem: unten Frühlingspracht in Grün und allen Blumenfarben, Palmen und wohlige Wärme, oben alles noch weiss, die Seen gefroren, die Nächte unter null Grad, dafür aber auch Traum-Skipisten auf Corvatsch, Diavolezza und Lagalp bis in den Mai hinein. Der Hoch- und Tiefbau brummt, Kranen und Umleitungen noch und noch. Nach vier Monaten Hochdruck wird revidiert, repariert und investiert. Trotzdem hat diese Zeit auch touristisch ihren Reiz, wie ich Mitte April zusammen mit befreundeten Tagesgästen aus dem Rheintal gemerkt habe. Hier unser Programm «St. Moritz à la carte» im Frühling:  
 
Start im frisch renovierten Bahnhof mit seinen 125 eleganten Weissbeton-Säulen. Hier treffen sich Glacier- und Bernina-Express mit Postautos, Engadin- und Ortsbussen. Ein stetes Hin und Her im Zentrum eines Unesco-Welterbes.  
 
Durch die Unterführung und über die Innfall-Brücke gelangen wir in wenigen Minuten zum Hotel «Waldhaus am See», einem der besten 3-Sterne-Häuser der Schweiz, mit der grössten Whiskybar der Welt. Das ist zu dieser Tageszeit für uns kein Thema, umso mehr dafür die spektakuläre Aussicht. Nirgendwo kann ich die Sehnsuchtsmarke Engadin und die Extravaganz der Marke St. Moritz «Top of the World» besser erklären als hier: Der Blick über den See Richtung Südwesten zum Piz Margna: Raum, Weite, Ruhe, Natur, Kultur - und jener Richtung nach Nordwest zur Corviglia mit den Grand Hotels «Badrutt’s Palace» und «Kulm», den einzigen Olympia-Stätten der Schweiz, der Wiege des alpinen Wintersports. Und der See selbst, wo sich die beiden Marken-Blicke überlappen, auf dem im Winter Pferderennen, Polo- und Cricket-Turniere stattfinden und im Sommer die Match-Race-Regatten, die Champions League der Segler.  
 
Dem See entlang laufen wir zur St. Moritz Design Gallery, die wir kurz vor dem Bootshaus über die Fussgängerbrücke zum unterirdischen Parkhaus erreichen: Sie erstreckt sich entlang der Eingangsplattform und der längsten Rolltreppe der Schweiz bis zum «Palace»-Hotel ins Dorf hinauf und präsentiert in 35 grossformatigen Vitrinen halbjährliche Ausstellungen zu aktuellen Themen - zurzeit einen Querschnitt aus der 125 Jahre langen St. Moritzer-Plakat-Geschichte. Über eine Million Passanten frequentieren die Rolltreppe und damit die Galerie jährlich, da sie 365 Tage rund um die Uhr offen ist.  
 
Am «Palace»-Hotel vorbei spazieren wir zum Schulhausplatz hinauf zur legendären Buchhandlung Wega und zur wunderschönen Gemeindebibliothek von St. Moritz - ein absolut lohnender Besuch! 
 
Jetzt folgt ein Aufstieg über die Treppe der Via dal Alp hinauf bis kurz vor die Via Tinus, wo wir rechts die spektakuläre Chesa Futura des Architekten Lord Norman Foster sehen. Sie ist komplett mit Schindeln aus Engadiner Lärchenholz verkleidet. Links biegen wir nun auf die Wasserfall-Promenade ab, die romantisch, aussichtsreich und eben dem Hang entlang bis zum Waldweg führt, auf dem die Skifahrer bis Anfang April ins Dorf hinunter fahren. Dort angekommen, nehmen wir bei der Galerie Caspar Badrutt den Bus zum Heilbad hinunter. Zwischen diesem und dem weissen Bäder-Tempel Ovaverva steht das restaurierte Forum Paracelsus, in dem wir eine kleine, aber ausserordentlich feine Ausstellung von Giovanni Segantini besuchen: Einige seiner berühmtesten Gemälde hängen dort im Original in der historischen Trinkhalle, während das Segantini-Museum diesen Sommer umgebaut wird.  
 
Das erste und einzige Mal zahlen wir auf unseren Rundgang Eintritt: zehn Franken, inkl. Audio-Guide mit fachkundigen Kommentaren zu den Bildern. Ein unvergessliches Erlebnis, sehr intim und wirkungsstark, mit einem weltberühmten Künstler an einem wahren Kraftort.  
 
Endstation unserer kleinen Tour ist das Kulturhotel «Laudinella» auf der anderen Seite des Ovavera Tempels. Sie ist in St. Moritz Bad, in dem auch in der Nebensaison immer was los ist. Die «Laudinella» ist zusammen mit dem benachbarten 4-Sterne-Haus «Reine Victoria» unter der gleichen Direktion das Hotel mit den meisten Logiernächten (125 000 pro Jahr) im Oberengadin und seit bald 30 Jahren offizielles Probelokal des Alphorn Ensembles Engiadina St. Moritz. Und exakt zwischen Halle und Festsaal der «Laudinella» findet seit Mitte April eine Parallel-Ausstellung statt: «Giovanni Segantini - Szenen seines Lebens», nicht mit Original-Werken des Meisters, sondern mit ausgesuchten Fotografien und Dokumenten über ihn und seine Familie aus dem Kulturarchiv Oberengadin - ein Glücksfall für alle Segantini-Fans! 
 
PS: Vor lauter Kunst habe ich im Forum Paracelsus die Archäologie und Geschichte vergessen. In einem schön beleuchteten Seitentrakt ist hier nämlich die erste Fassung der St. Moritzer Mineralwasserquelle ausgestellt: perfekt erhaltene, mit Bronze-Äxte ausgehöhlte Stammteile einer Riesenlärche, die im Frühling des Jahres 1412 v. Chr. gefällt wurde, vor fast 3500 Jahren also. Die St. Moritzer Heiltradition reicht damit in die Zeit zurück, bevor Moses mit seinem Volk aus Ägypten zog und einige Jahrhunderte bevor Rom gegründet wurde. Sie gehört damit zu den ältesten gefassten Quellen Europas und ist die höchstgelegene der Alpen.  

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