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Marathon, Zahlenrätsel und Elefanten – ich bin Golfer

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Roman
Michel

Teuer, elitär, versnobt - kaum eine Sportart ist derart mit Vorurteilen behaftet wie das Golfen. Zurecht? Unser Sportjournalist Roman Michel will’s wissen und macht diesen Sommer den Selbsttest. Von 0 bis zur Platzreife. 

Mathematik war nie mein Ding. Das Jonglieren mit Zahlen nicht meine Passion. Ich versuche mich anzustrengen. Scheitere aber auch beim dritten Versuch. «Das lernst du mit der Zeit», sagt PGA-Professional Paul, mein Golf-Lehrer. Eben versuchte er mir nochmals zu erklären, was die Zahlen auf meiner Scorekarte bedeuten. Erfolglos. Aber was soll's. Neben mir liegt das hellblaue Papier, für das ich die letzten Wochen und Monate gearbeitet habe: Das Zertifikat für die Platzreife. Die «Carte blanche» im Golfsport quasi. Ich bin Golfer. 

Lauschiges Plätzchen und Hindernis: Über die Wasserläufe können sich Golfspieler nicht nur freuen. GRAND RESORT BAD RAGAZ

Vielleicht hat die Hitze auf der Terrasse des Golfclubs Heidiland in Bad Ragaz ihren Einfluss, dass die Zahlen nur so vor meinen Augen schweben, nicht aber Eingang in meinen Kopf finden. Vielleicht auch der Marathon, den ich hinter mir habe. Ein Marathon für Geist und Körper. Kurz vor vier zeigt die goldene Uhr am Start der Golfanlage. Meine Golftasche steht auf einem Trolley mit Rädern. Mein Hemd flattert leicht im Wind. «Was erwartet mich nun?», frage ich mich. Studiere die Tafel des ersten Lochs. 260 Meter. Kurz zucke ich zusammen. 260 Meter. Der erste Schlag. Das metallene Geräusch, als der Schläger den Ball trifft. Dieses Gefühl der Freiheit. Der Unbeschwertheit.

Sechs Schläge später liegt der Ball im Loch. Ich fühle mich irgendwie ziemlich cool, als ich den Putter in meinem Trolley verstaue und zusammen mit Paul locker zu Loch 2 schlendere. 90 Meter. Klingt easy. Nur hat das Ganze auf den zweiten Blick seine Tücken. In Form eines Sandbunkers. Mitten auf der Achse zwischen Abschlag und Green. Paul bemerkt mein Zögern.«Den Bunker ausblenden, sonst kommt's nicht gut», rät er. «Wie bei einem roten Elefanten. Wenn dir jemand sagt: 'denke nicht an rote Elefanten, siehst du nur noch rote Elefanten'.» Vor mir huscht ein roter Elefant über den Golfplatz. Ich schüttle meinen Kopf. Vier Schläge, dann ist auch Loch 2 geschafft. Ohne Ausflug in den Sandbunker.

Tolle Kulisse: Beim Golfen lohnt es sich oft, mal über Ball und Green hinauszublicken. GRAND RESORT BAD RAGAZ

So geht das weiter. Ich vergesse Gefühl für Zeit und Distanz. Bin erstaunt über die Weite. Golfplätze zerstören die Natur, heisst eines von vielen Golf-Klischees. Ich merke: Nein, Golfplätze sind Natur. Wasserläufe, ein kleiner See, eine Baumgruppe, grüne Wiesen. Aber eben auch Wurzeln. Herumliegende Zweige. Laubblätter. Immer wieder bleibt mein Schläger an vermeintlich kleinen Hindernissen hängen, die Bälle landen bevor sie erst fliegen. Ein Ball verschwindet im Gestrüpp. Sehnsüchtig denke ich an den perfekt geschnittenen Rasen auf der Übungsanlage. Aber es gibt auch die Erfolgserlebnisse. Jedes erfolgreich absolvierte Loch ist so eines. Die Unterstützung von Paul. Und Loch 7. Nach drei Schlägen liegt mein Ball im Loch.

Als wir nach Loch 9 ins Golfhaus zurückkehren, zeigt meine Fitnessuhr am Handgelenk kurz nach halb sechs an. Erst jetzt merke ich meine Müdigkeit. Eineinhalb Stunden. Knapp fünf Kilometer zu Fuss. Wie ich mich nach einer 18er-Runde fühlen würde, versuche ich mir gar nicht auszumalen. Von wegen, Golf sei kein Sport. Und die wirkliche Prüfung folgt ja erst noch. Zahlenrätsel. 

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