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Aufwertung der Schweizer Kunstachse Engadin-Bergell

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ZVG
Hans Peter
Danuser

Hans Peter Danuser und Amelie-Claire von Platen sind im Engadin zu Hause und zeigen uns ihren Blickwinkel. Was bewegt Land und Leute? Wo ist das Engadin stark und wo hinkt es einzelnen Mitbewerbern hinterher? Und was geschieht auf politischer Bühne? Der Blog «Engadin direkt» berichtet persönlich und authentisch.

Zwei Ereignisse haben die Schweizer Kunstachse Engadin-Bergell diesen Winter weiter aufgewertet: Die Eröffnung der bedeutenden Galerie Hauser&Wirth in St. Moritz sowie die Einweihung des Muzeums Susch im Unterengadin, über das allein der «Tages-Anzeiger» zwei vierfarbige Seiten lang berichtete. Beide Einrichtungen stehen für die Symbiose von Geld und Geist, die das Engadin und Bergell innert weniger Jahrzehnte nach Basel und Zürich zur Nummer 3 der Schweizer Kunstszene werden liess. Im Gegensatz zu den beiden Städten ist die Kunst in den beiden Hochtälern in wunderschöner Natur und intakten Dörfern eingebettet, die kultivierten Menschen aus aller Welt ein Ambiente bieten, das Städte nicht können: Ruhe, Raum, Alpenlandschaft, prickelndes Bergklima, kristallklares Wasser, Ferienlaune, heitere Gelassenheit. 

Wir nehmen die beiden neuen Protagonisten zum Anlass, die Qualität und Vielfalt der «Schweizer Kunstachse» stichwortartig Revue passieren zu lassen, was in diesem Rahmen nur oberflächlich und keineswegs vollständig möglich ist. Herz der gut 100 Kilometer langen Achse zwischen Castasegna an der italienischen und Martina an der österreichischen Grenze ist St. Moritz im Oberengadin, dem «Festsaal der Alpen» auf dem «Dach Europas». Beide Begriffe werden I. C. Heer zugeschrieben, dem Autor von «König der Bernina», der St. Moritz auch schon als «Extravaganz der Kulturgeschichte» apostrophierte.

Und das ist es heute mehr denn je: Acht Grand Hotels und Luxushäuser in und um San Murezzan (romanisch) bilden seit zum Teil über 150 Jahren («Kulm Hotel» St. Moritz) einen idealen Rahmen für kultivierte Lebensweise aller Art und waren/sind ihrerseits oft Teil bedeutender Kunstereignisse im Tal. Etwa «Badrutt’s Palace Hotel», dessen Turm Gunter Sachs von den befreundeten Amerikanern Warhol und Lichtenstein ausgestalten liess, oder das Hotel «Waldhaus» in Sils, das Künstlern aus aller Welt seit über 100 Jahren Wahlheimat und Inspiration bedeutet.

In St. Moritz steht das Segantini-Museum mit dem berühmten Triptychon und weiteren Schlüsselwerken des Meisters. Neben der erwähnten Spitzengalerie präsentieren weitere Kunstgalerien vor Ort wichtige Künstler. Etwa Caratsch, Greve, Schnabel, Curtins… Der berühmte Architekt Lord Norman Forster hat in St. Moritz, 1856 m ü. M., drei Projekte realisiert, und in Dim Lej ob dem St. Moritzersee steht ein unverwechselbares Atelier nach Entwürfen des Brasilianer Architekten Niemeier. Dank RhB-Bahnhof ist St. Moritz auch Teil des Unesco-Welterbes Albula-Bernina-Bahn-Strecke. Und Ende August findet jährlich seit über zehn Jahren das St. Moritzer Art Master Festival statt.

Das Oberengadin bildet seit 2018 zusammen mit dem Bergell die politische Region Maloja. Dieser Ort zuoberst auf dem gleichnamigen Pass, war die letzte Wirkungs- und Wohnstätte von Giovanni Segantini. In Soglio, der Sonnenterrasse des Bergells, hat er das erste Bild seines Triptychons gemalt: «Werden». In Stampa ist die Familie von Alberto Giacometti zu Hause, dessen Skulpturen heute auf Augenhöhe mit den Gemälden Picassos gehandelt werden. Und in Castasegna steht ein frühes Haus von Gottfried Semper, das der ETH Zürich gehört.

Von St. Moritz aus Richtung Unterengadin stehen in Zuoz das Kunsthotel «Castell», Durchführungsort der jährlichen Engadin Art Talks, das Lyceum Alpinum sowie mehrere Kunstgalerien, ebenfalls im benachbarten S-chanf. Zernez im Unterengadin ist Tor zum einzigen Schweizer Nationalpark, dem ältesten in Europa. Sein Zentrum hat der Bündner Architekt Valerio Oligatti gebaut.

Das Muzeum der polnischen Milliardärin Grazyna Kulczyk ist in einer alten Brauerei von Susch am Fuss des Flüelapasses untergebracht. Es hat bislang über 30 Millionen Franken gekostet und soll ein Zentrum moderner Kunst werden. Die Eröffnungsausstellung zum Thema «Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen» dauert bis 30. Juni 2019.

Weiter talabwärts, kurz vor Scuol führt eine imposante Betonbrücke rechts über den Inn zum Schloss Tarasp hoch, das seit einiger Zeit dem Engadiner Künstler und Globetrotter Not Vital gehört. Er ist daran, diese grossartige «Landmark» zu einem einmaligen Kunstzentrum und internationalen Treffpunkt auszubauen. Bereits früher hat Vital in Sent, seinem Heimatort auf der anderen Talseite oberhalb von Scuol, nachhaltig Kunst installiert. Auch in diesem Dorf gibt es Galerien, den bekannten Unterengadiner Barock und den schönen neugotischen Kirchturm des bekannten Architekten Nicolas Hartmann. Die Pläne dazu hatte er seinerzeit der Gemeinde Sent geschenkt, weil sein Turm den St. Moritzer zu wenige hoch war.

Wenn St. Moritz das pulsierende Herz dieser Kunstachse ist, sind die Täler ihre Seele. Umsäumt von gewaltigen Lärchen- und Arvenwäldern hat sich in der dreisprachigen Region ein eigener Baustil entwickelt, den seine Sgraffiti-geschmückten wuchtigen Steinhäuser prägen. Die «NZZ am Sonntag» schätzt, das allein im Engadin heute um die 40 Kunstgalerien aktiv sind (20. Januar 2019).

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