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Zu viel des Guten: Touristischer Overkill

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PIXABAY
Hans Peter
Danuser

Hans Peter Danuser und Amelie-Claire von Platen sind im Engadin zu Hause und zeigen uns ihren Blickwinkel. Was bewegt Land und Leute? Wo ist das Engadin stark und wo hinkt es einzelnen Mitbewerbern hinterher? Und was geschieht auf politischer Bühne? Der Blog «Engadin direkt» berichtet persönlich und authentisch.

Ende August übernachteten wir auf dem Säntis – mit Panoramablick auf Seealpsee und Bodensee. Zwei Tage Appenzellerland vom Feinsten: Wir waren auf dem Kronberg, Eggli, Ebenalp und natürlich auch in der Bergbeiz «Aescher-Wildkirchli».

Eine Woche zuvor hatten «Die Südostschweiz», der «Tages-Anzeiger» und die NZZ gemeldet, dass der Wirt dieses «berühmteste Restaurant der Welt» aufgibt. Grund: zu viele Gäste.

Wer vor Ort ist und die Situation auch unter der Woche nüchtern betrachtet und hinterfragt, kann den Entscheid der Wirtsleute verstehen. Die Familie betreibt das Gasthaus seit 30 Jahren, das Ehepaar Knechtle seit 2014. Im gleichen Jahr kürte die Onlinezeitung «Huffington Post» den «Aescher» zum «interessantesten Restaurant der Welt». Kurz darauf veröffentlichte Hollywood-Star Ashton Kutcher seine 20 geheimen Orte auf der Welt, deren Besuch sich lohne – darunter der «Aescher». 2015 dann der publizistische Adelsschlag: der «Aescher» auf dem Titelbild des global bekannten US-Magazins «National Geographic» mit dem Titel «Places of a lifetime» (Orte, die man nicht vergisst).

Seither ist der Ansturm auf das Berggasthaus an und in der Felswand explodiert. Auf Instagram ist der Aescher zu einer Kultstätte geworden. Auch Roger Federer postete seine Wanderbilder vom Alpstein. Mit dem Ruhm kam der Sturm. Die Probleme der Logistik, Hygiene und Sicherheit wurden immer grösser. 14 Tonnen Kartoffeln werden pro Saison verarbeitet – zu Rösti on the Rocks. Zu Recht zitiert der Tagi hier den Deutschen Schriftsteller Markus Enzensberger: «Der Tourismus zerstört das, was er sucht, indem er es findet.»

Der «Aescher» ist ein kleines, aber sehr feines Beispiel für «Overtourism», den das Schweizer Fachmagazin «Travel Inside» am 7. Juni 2018 thematisierte und dem die überrannten Orte mit Einschränkungen oder gar Schliessungen begegnen: die philippinische Insel Boracay, die thailändischen Inseln Ko Similan und May Bay auf Phi-Phi-Islands, Lake Louise in Canada, Machu Picchu, Taj Mahal, Venedig, Mallorca.

Während periphere Schweizer Bergregionen seit der Finanzkrise 2007 teils massive Frequenzrückschläge an Besuchern und Logiernächten verzeichnen, legen Städte wie Zürich, Basel, Luzern zu, ebenfalls die bekanntesten Ausflugsbahnen der Schweiz. Sie verzeichnen von 2007 bis 2017 stark steigende Gästezahlen: Titlisbahnen: 1'159'000 / +40 %; Jungfraujochbahn 1'041'000 / + 48 %; Rigibahnen 850’000 / + 55 %; Pilatus-Bahnen 780’000 / + 28 %. Entsprechend haben sich die Aktienkurse dieser Bahnen auf Rekordhöhe entwickelt.

Graubünden kann von solchen Zahlen nur träumen – was nicht nur negativ ist, wenn man an den «Aescher» denkt. Potenzial für spektakuläre Auftritte in Instagram und anderen Social Media ist durchaus auch hier vorhanden, etwa der ikonenhafte Blick von Muottas Muragl auf die Engadiner Seenlandschaft, das spektakuläre Landwasserviadukt der RhB bei Filisur oder die Originalstätten der Heidigeschichte in Maienfeld. Vom Caumasee bei Flims seien gegen 30’000 Bilder auf Instragram – unter dem Hashtag «Rigi» finden wir gegen 90’000. Von einem unkontrollierten Gäste-Run sind wir noch weit entfernt.