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Blog: Danuser von Platen - Zeitzeichen

Die Prüfung

OLIVIA ITEM
Hans Peter
Danuser

Hans Peter Danuser und Amelie-Claire von Platen sind ein ungewöhnliches Paar. Und doch so ähnlich, wenn es darum geht, Sachen anzupacken. Ihr Blog-Motto ist den auch: «Der eine wartet, bis die Zeit sich wandelt, der andere packt sie an und handelt.»

Die Zürcher Medien schiessen sich diesen Frühling auf Gymi-Prüfung und Matura ein. Tenor der Titelstory von «Das Magazin» vom 3. März 2018: «Das Aufnahmeverfahren fürs Gymnasium ist eine Zumutung für die ganze Familie.» Die «NZZ am Sonntagۛ» stellt die Lehrpläne der gut 150 Schweizer Gymnasien generell zur Diskussion: «Die Matur – ein Sanierungsfall». Als Vater eines bald schulpflichtigen Sohnes interessiert mich das Thema ebenfalls. Ich habe es mit meinem Freund Peter Conrad, einem pensionierten Primarlehrer mit erfolgreichem Lernstudio in Domat/Ems, diskutiert. Mit grosser Erfahrung bereitete er Schüler auf die Aufnahmeprüfung vor und bringt neun von zehn Schüler durch. Er hat zur Problematik eine sehr pragmatische Einstellung, viel weniger emotional und politisch als in den zitierten Artikeln.  

Die kantonalen Maturaquoten variieren pro Jahrgang von Kanton zu Kanton zwischen 12 und 29 Prozent. Entsprechend streng sind die Aufnahmeprüfungen. In Zürich beispielsweise kann rein statistisch vorhergesagt werden, mit welchen Schulnoten ein Schüler es schaffen wird oder nicht. Wer im Januar-Zeugnis vor der Aufnahmeprüfung in Mathe und Deutsch je eine 5,5 erreicht, schafft die Prüfung mit 83-prozentiger Wahrscheinlichkeit. Wer «nur» jeweils eine 5 hat, schafft die Prüfung nur noch mit 16 Prozent Wahrscheinlichkeit. Die Erfolgschance sinkt also exponentiell und bringt damit auch gute Schüler bei der Vorbereitung zur Verzweiflung.

«Das Magazin» veröffentlichte fünf mögliche Prüfungsaufgaben, und ich machte spontan die Probe aufs Exempel: Drei Aufgaben löste ich, zwei waren mir zu komplex und kompliziert. Ich hätte nicht bestanden, trotz meiner sehr guten Uni-Abschlüsse in St. Gallen und Zürich.

Gemäss Peter Conrad sind die Prüfungsanforderungen auch in Graubünden so hoch, dass normal bis hochbegabte Kinder sie ohne zusätzliche Unterstützung und Vorbereitung kaum bewältigen können. Er sieht ein Hauptproblem der schulischen Schwäche der Kinder bei der Heterogenität der Elternhäusern: unterschiedlicher Bildungsstand, beide Eltern arbeiten, sprachlich und kulturell bedingte Schwächen, viele Alleinerziehende. Die Vorbereitungskurse für die Aufnahme in die Mittelschule sind gut, aber nicht in der Lage, echte Chancengleichheit herzustellen.  

Gut ausgebildete Kader und Berufsleute gehören zu den Schweizer Kernkompetenzen wie Sicherheit, Qualität und Verlässlichkeit. Unser mehrsäuliges und offenes Bildungssystem gilt weltweit als Erfolgsmodell, und unsere Hochschulen zählen zu den besten, insbesondere die ETH. Um dieses Niveau zu halten, steigt der Qualitätsdruck auf die Mittelschulen, was sich wiederum auf die Primarschulen und entsprechenden Aufnahmeprüfungen auswirkt. Mitten in diesem Sandwich stehen nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrpersonen, die mit all diesen Erwartungen unserer Multikulti-Gesellschaft und den oft überforderten Eltern an ihre Leistungsgrenzen kommen. Für die Schüler ist die Gymi-Prüfung eine Art Eintrittskarte zum Hamsterrad der Leistungsgesellschaft. Wer diesen Weg wählt, muss fortan liefern. Das ist bei einer Lehre nicht anders, wird dort aber beim Eintritt weniger krass auf den Punkt gebracht. Wichtig ist, dass es dieses Alternative in der Schweiz gibt, inklusive der späteren Option der Berufsmatur.

Wer die Gymi-Prüfung wagen will, ohne sich beim russischen Roulette zu fühlen, kommt um eine solide Vorbereitung nicht herum. Gute Voraussetzung bringen sehr gute Vornoten, Teilnahme am schulinternen Vorbereitungskurs sowie allenfalls die sorgfältige Auswahl eines Lernstudios, in dem in Einzellektionen an Schwächen gearbeitet wird und durch das Üben mit alten Prüfungsaufgaben Sicherheit und Vertrauen in das eigene Leistungsvermögen aufgebaut wird.