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Origen inszeniert den Tod auf dem Julier

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Passionskonzert am Julierpass 2018.
BENJAMIN HOFER

Hans Peter Danuser und Amelie-Claire von Platen sind im Engadin zu Hause und zeigen uns ihren Blickwinkel. Was bewegt Land und Leute? Wo ist das Engadin stark und wo hinkt es einzelnen Mitbewerbern hinterher? Und was geschieht auf politischer Bühne? Der Blog «Engadin direkt» berichtet persönlich und authentisch.

Wir durften uns glücklich schätzen, das Passionskonzert von Origen im Julierturm am Premierenabend mitzuerleben. Diese und alle folgenden Aufführungen waren ausgebucht, und auch die Plätze der Zusatzvorstellung im Nu vergeben. Dass bei Origen allein schon die An- und Abreise mit den Postautos ein Erlebnis ist, wissen alle, die schon mal Gast bei dem Kulturfestival waren. Und dass Intendant Giovanni Netzer ein Programm mit einer entsprechenden Inszenierung vorbereitet, das voll Symbolik und Tiefgründigkeit ist, habe ich in den letzten Jahren oft erlebt und beschrieben. 

Das diesjährige Passionserlebnis auf dem Julierpass war für mich dennoch unerwartet intensiv. Platziert waren wir in einer der Logen in der zweite Etage des Turms. Bis in die vierte Etage waren die Zuschauer verteilt. Die erste Etage blieb frei. Mein Blick ging zunächst nach draussen in die raue Passlandschaft. Eine meterhohe Schneedecke liegt auf den Hängen und Bergen. Schön und unwirtlich zugleich. Von Frühling noch keine Spur. 

Das fünfköpfige Vokalensemble trat auf die ebenerdige runde Schwebebühne, die dann langsam und begleitet vom mechanischen Knallen der Kettenaufhängung nach oben gezogen wurde.

Abgelöst wurde dieses Tosen dann von der wohltuenden Accapella-Musik: das Programm war aus Werken der englischen und spanischen Renaissance zusammen gestellt. Der Klangkörper war vom Feinsten. Die Werke entstammten alle aus den sakralen Riten der Karwoche und erzählten von der Passion Jesu. Ähnlichen gregorianischen Gesang habe ich einmal an Ostern in der von Karl dem Grossen gegründeten Klosterkirche San'Antimo mitten in der toskanischen Hügellandschaft erlebt. 

Die Passion war aber nicht nur textlich und musikalisch präsent. Das wäre nicht Netzer. Bühne, und damit meine ich nicht nur die Schwebebühne allein, sondern den gesamten Turm und die ihn umgebene winterliche Passlandschaft, sowie das Licht, also Kerzenschein, Scheinwerfer und Tageslicht, waren perfekt auf das gesungene Wort abgestimmt. Die Bühne wurde während des Konzerts in zwei tosenden und knallenden Unterbrüchen bis zum Boden hinabgelassen, einem Sarg gleich. Um den Turm kam Wind auf, was wir im beheizten Innenraum nicht merkten, jedoch auf der Schneedecke beobachten konnten. Es nachtete ein, während im Turm eine Lichtinszenierung mit schattenhaften Gebilden die Turmwände mehr oder weniger beleuchtete. Eine unheimliche Stimmung! Und eine vermeintlich auswegslose. Ich versuchte, mich einige Zeit mit dem Blick auf die Berge zu «retten» und kehrte der Bühne den Rücken. Aber auch das half nur wenig. Der Tod holt jeden ein, da gibt es kein Entkommen. Ich fühlte mich, als wäre ich in einen endlos tiefen Turm gefallen. Vielleicht kennen Sie den Pozzo di San Patrizio in Orvieto. Er könnte für diese Inszenierung Pate gestanden haben.

Immerhin gab es noch Kerzenschein auf der mittlerweile weit unten angekommenen Bühne, der ein bisschen Hoffnung in diese gelungene Endzeit-Inszenierung brachte. Umso mehr freue ich mich auf Ostern, auf den Frühling und die langen Tage!

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