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Wie lange hält Russland diesen Krieg durch?

Moskau behauptet, den Krieg in der Ukraine ewig führen zu können. Die Realitäten an der Front und in der russischen Wirtschaft sagen etwas anderes.

Südostschweiz
31.05.25 - 21:00 Uhr
Bild: Keystone

Unter dem Namen Viktor Schewtschuk schreibt an dieser Stelle ein ukrainischer Offizier, Militärexperte und Politikwissenschaftler über den Verteidigungskrieg gegen Russland. Er drückt dabei seine persönliche Meinung aus, basierend auf allgemein zugänglichen Informationen.

Während der ersten Friedensverhandlungen in Istanbul drohte der russische Delegationsleiter Wladimir Medinskij, Russland könne so lange Krieg führen, wie es wolle. Er berief sich dabei auf den 21 Jahre andauernden Krieg Russlands gegen Schweden im 18. Jahrhundert.

Die Manipulation historischer Tatsachen ist für Moskau nichts Ungewöhnliches. Jener 21-jährige Krieg wurde mit langen Unterbrechungen und deutlich kleineren Streitkräften geführt als heute. Ganz zu schweigen davon, dass Medinskij den Livländischen Krieg unerwähnt liess – ein Konflikt, den das Moskauer Zarenreich im 16. Jahrhundert 25 Jahre lang führte – und letztlich verlor.

Russland ist ein grosses Land, aber keineswegs allmächtig. Russland hat bei seiner Offensive im Jahr 2024 zur Eroberung von lediglich 1 Prozent des ukrainischen Territoriums rund 430 000 Soldaten als Tote und Verwundete verloren. Unabhängigen russischen Analysten zufolge konnte das russische Militär im selben Jahr 407 000 neue Rekruten gewinnen. Das reichte knapp aus, um die Verluste auf dem Schlachtfeld auszugleichen – aber nicht, um Putins Plan zu erfüllen, die Armee bis zu diesem um 150 000 Mann zu vergrössern.

Analysen der Haushaltsausgaben zeigen, dass sich die Rekrutierungsrate in den letzten Monaten des Jahres 2024 verlangsamt hat – und weiterhin rückläufig ist.

Ohne eine neue Massenmobilisierungswelle dürfte sich dieser Trend kaum umkehren lassen. Doch seit Herbst 2022 scheut Putin vor einer weiteren Mobilisierung zurück. Erstens wäre dies in der russischen Gesellschaft sehr unpopulär. Zweitens würde es zusätzliche Ausgaben und einen raschen Anstieg der russischen Militärproduktion erfordern, um neue Kampftruppen auszurüsten.

Die Lagerhäuser aus der Sowjetzeit sind nahezu leer. Es kostet viel Zeit und Geld, aus alten Teilen neue Maschinen zusammenzusetzen. Die russische Produktion von Langstreckendrohnen und Raketen nimmt zwar zu, doch die tatsächlichen Zahlen liegen unter den in den Medien verbreiteten Schätzungen. Die russischen Luftangriffe werden immer wirkungsvoller, da die Ressourcen für solche Angriffe länger aufgestockt werden können. Derzeit halten sich die russischen Militärs mit Luftangriffen auf das ukrainische Hinterland zurück und tun so, als würden sie die bevorstehende zweite Runde der Friedensgespräche in der Türkei ernst nehmen.

Nach dem absehbaren Scheitern dieser Runde werden sie ihre tödlichen Angriffe wieder aufnehmen können. Doch diese Eskalation wird nicht lange andauern. Der angerichtete Schaden wird nicht ausreichen, um die Frontlinie zu durchbrechen oder den Widerstandswillen der ukrainischen Gesellschaft zu schwächen.

Die Wirtschaft ist ein weiteres Hindernis für einen «endlosen» russischen Krieg. Das Defizit im russischen föderalen Haushalt hat sich zuletzt verdreifacht, staatliche Ausgaben wurden gekürzt. Der Leitzins bleibt mit 21 Prozent auf hohem Niveau. Der russische Rubel hat sich verteuert, was jedoch auf rückläufige Importe zurückzuführen ist. Ein stärkerer Rubel verschärft die russischen Haushaltsprobleme zusätzlich.

Die regionalen Haushalte sind noch stärker betroffen. Die meisten Regionen weisen Defizite auf, ihre Verschuldung steigt. Während Moskau und Regionen mit starkem militärisch-industriellem Sektor vom Krieg profitieren, leidet der Grossteil des Landes. Die Unternehmensgewinne sinken. Konzerne wie Gazprom, Kamaz und andere Grossbetriebe rutschen zunehmend in die Verlustzone. Auch private Banken stossen bei der Finanzierung der Rüstungsindustrie an ihre Grenzen.

Russland kann einen Krieg dieser Intensität noch eine gewisse Zeit weiterführen – aber nicht auf Dauer. Ein «endloser Krieg», ein 21-jähriger oder gar noch längerer Krieg, wie von Medinskij behauptet, ist höchst unwahrscheinlich.

Zwar ist die russische Bevölkerung traditionell leidensfähig. Doch die Geschichte kennt zahlreiche Beispiele für russische Staatsstreiche und Rebellionen, wenn sich die Lebensumstände dramatisch verschlechtern.

Donald Trump hat recht: Die Lage in Russland ist schlecht, und mit seinem Vorgehen rettet er Russland buchstäblich aus diesem Krieg. Doch der Kreml scheint stur und selbstsicher genug zu sein, um Trumps «Hilfe» auszuschlagen.

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