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Wann greift Russland die Nato an?

Nachdem die Gefahr einer russischen Aggression gegen Nato-Länder lange ignoriert wurde, entbrennt jetzt eine Diskussion über diese Möglichkeit. Wie gross ist sie und weshalb?

Südostschweiz
27.06.25 - 12:00 Uhr
RUSSIA US SECURITY TALKS EXPLAINER
Manöver "Westen": Russische und belarussische Truppen üben im September 2021 den Krieg, File)
Bild: Wadim Sawitskij / Keystone

Unter dem Namen Viktor Schewtschuk schreibt an dieser Stelle ein ukrainischer Offizier, Militärexperte und Politikwissenschaftler über den Verteidigungskrieg gegen Russland. Er drückt dabei seine persönliche Meinung aus, basierend auf allgemein zugänglichen Informationen.

von Viktor Schewtschuk

Die Ukrainer haben mehr als zehn Jahre gebraucht, um die Menschen im Westen davon zu überzeugen, dass der Krieg von 2014 als russisch-ukrainischer Krieg und nicht als Ukraine-Konflikt oder Sezessionsversuch der Donbass-Region bezeichnet werden sollte. Und seit 2022 ist auch der Begriff russisch-ukrainischer Krieg nicht mehr angemessen.

Der russische Chauvinismus mit seinem Bestreben, die ukrainische Identität auszulöschen, ist nur ein Grund für diesen Krieg. Moskau kämpft gegen den Westen. Der russische Autoritarismus greift Demokratien an. Das russische Ultimatum vom Dezember 2021 richtete sich an die Nato, nicht an die Ukraine. Es forderte die Nato auf, sich auf ihre Grenzen von 1997 zurückzuziehen.

Die Ukraine wurde von Moskau als Geisel ausgewählt, um den Westen zu erpressen. Und solange sich die Ukraine nicht ergibt, ist es möglich, dass Russland den Westen direkt herausfordert. Putin kommt aus der Welt der russischen Jugendbanden. Er hat mehrfach erwähnt, dass ein erster Schlag einen Vorteil verschafft.

Militärspezialisten und Politiker in Europa gehen davon aus, dass Russland in vier bis fünf Jahren zuschlagen könnte. Nach dem Verlust eines Teils seines Militärpersonals und seiner Ausrüstung braucht Russland erst Zeit, um sich zu erholen. Aber solche Berechnungen könnten falsch sein.

Einerseits hat Russland bei der schlecht kalkulierten Invasion von 2022 zwar den Kern seines professionellen Militärpersonals und seiner Ausrüstung verloren. Andererseits haben die Russen derzeit dreimal so viele Soldaten an der Front wie 2022. Sie haben kampferprobte Offiziere, die gelernt haben, in einer modernen Umgebung zu kämpfen. Sie haben neue Taktiken entwickelt, die auf einem von Drohnen dominierten Schlachtfeld relevant sind.

Das Potenzial der russischen Armee beträgt derzeit 60 bis 70 Prozent des Potenzials der russischen Berufsarmee vom Februar 2022.

Russland ist der Nato technologisch zwar nach wie vor unterlegen, aber seine Fähigkeit, einen langwierigen Zermürbungskrieg zu führen, ist grösser.

Es ist viel schwieriger, einen Krieg von Null an zu organisieren, als eine gut eingespielte Militärmaschine an einem neuen Ort einzusetzen. Hinzu kommt: Die aktive russische Armee besteht zum grössten Teil aus Soldaten und Offizieren, die auf Vertragsbasis kämpfen, und eine grosse Vertragsarmee lässt sich nur dann in guter Form halten, wenn sie beschäftigt ist.

Und schliesslich könnten die russischen Planer auch einfach schlecht kalkulieren oder schlechte Informationen nutzen, wie dies beim Überfall auf die Ukraine 2022 der Fall war.

Warum sollte Russland warten, bis die Nato wieder in Form ist?

Aus all diesen Gründen könnte die russische Invasion der Nato viel früher als in vier, fünf Jahren stattfinden. Sie wird nicht unbedingt wie eine vollständige Invasion der Ukraine aussehen. Sofern das Nato-Beistandsbündnis nicht vollständig zusammenbricht, wird es zu einem Zermürbungskrieg kommen. Einem Krieg, auf den die Nato nicht vorbereitet ist.

Die Nato hat sich am Mittwoch darauf geeinigt, die Verteidigungsausgaben auf 3,5 plus 1,5 Prozent
des BIP zu erhöhen. Das ist zu wenig und möglicherweise zu spät. Das Programm ist auf zehn Jahre angelegt. Warum sollte Russland warten, bis die Nato sich wiederbewaffnet hat?
 

Alle Spekulationen über einen russischen Angriff auf die Nato lassen aber einen Punkt ausser Acht: die Ukraine. Russland wird kaum eine zweite Front eröffnen, bevor es den Krieg gegen die Nato an der ukrainischen Front beendet hat. Russland kann nur dann auf eine andere Front wechseln, wenn es in der Ukraine gewinnt.

Daher liegt es im besten Interesse des Westens, sich darauf zu konzentrieren, der Ukraine zu helfen, Russland zu besiegen.

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