Trump spielt Putins Spiel
Der Präsident der Ukraine glaubt an Frieden «vielleicht in einem Jahr». Sein Pessimismus ist gut begründet. Solange die USA sich von Russland vorführen lassen, wird Moskau das Töten nicht beenden.
Der Präsident der Ukraine glaubt an Frieden «vielleicht in einem Jahr». Sein Pessimismus ist gut begründet. Solange die USA sich von Russland vorführen lassen, wird Moskau das Töten nicht beenden.
Unter dem Namen Viktor Schewtschuk schreibt an dieser Stelle ein ukrainischer Offizier, Militärexperte und Politikwissenschaftler über den Verteidigungskrieg gegen Russland. Er drückt dabei seine persönliche Meinung aus, basierend auf allgemein zugänglichen Informationen.
von Viktor Schewtschuk
Nach einem Jahr voller Ultimaten und zäher Gespräche hat Präsident Selenskyj einen -neuen Rahmen für Friedensverhandlungen skizziert. In einem Interview mit dem französischen Fernsehsender France 2 erklärte er, dass Frieden «vielleicht in einem Jahr» möglich sei.
Das mag für überzeugte Anhänger eines Trump-Putin-Friedensprozesses enttäuschend klingen. Auch für die Ukrainer, die seit vier Jahren kämpfen, ist es schwer. Doch Selenskyjs Aussage ist ein Versuch, eine unbequeme Wahrheit offen auszusprechen: Frieden ist auf absehbare Zeit nicht erreichbar.
Die zweite Hälfte dieser Wahrheit lautet: Mit Russland ist Frieden nicht auf diplomatischem Weg zu erzielen. Es bringt wenig, darüber mit Experten- und Polit-Kreisen zu sprechen, die es gewohnt sind, mit Illusionen zu leben.
Eine der gefährlichsten Illusionen ist die Annahme, Russland sei ein «normaler Staat» wie andere, Putin ein «normaler Politiker» wie andere. Das ist nicht der Fall. Zwischen Russland und europäischen Demokratien besteht ein fundamentaler Unterschied. Falsche Annahmen führen zu Kriegen – und zu fruchtlosen Verhandlungen.
Aber warum äussert sich Selenskyj ausgerechnet jetzt? Nachdem sich -Donald Trump weigert anzuerkennen, dass Putin sein Versprechen gebrochen hat, eine Woche lang keine Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur zu führen, kann niemand mehr an der Realität vorbeischauen: Trump spielt Putins Spiel. Er verschafft Moskau Zeit, militärisch das zu erreichen, was ihm durch diplomatische Vermittlungen – etwa durch Witkoff und Kushner – nicht gelingt. Oder umgekehrt: Trump will die Ukraine zu einem diplomatischen Zugeständnis zwingen, das Putin auf dem Schlachtfeld nicht erzwingen konnte.
Russland hat Verhandlungen nie ernst genommen. Es ist nie Kompromisse eingegangen. Die gesamte «positive» Agenda Moskaus besteht aus Dmitriews grössenwahnsinnigen und wirtschaftlich unrealistischen Vorschlägen für die amerikanischen Eliten und aus Putins Schweigen. Während Putin schweigt, halten Lawrow, Peskow und eine Schar von Staatsbürokraten zusammen mit Propagandisten an den maximalistischen Forderungen Russlands fest. Forderungen nach der Zerschlagung der Ukraine und nach freier Hand für die Tötung und Verfolgung grosser Massen von Menschen.
Putins Schweigen lässt Raum für eine jederzeitige weitere Verschärfung von Forderungen, nachdem die Ukraine einmal zugestimmt hat. Würde die Ukraine sich bereit erklären, die Befestigungsanlagen in der Region Donezk abzutreten, würde Moskau die Frage von Cherson und Saporischschja aufwerfen. Diese Regionen sind auf russischem Papier ebenfalls annektiert und in der russischen Verfassung verankert.
Nur eine Stärkung der militärischen Fähigkeiten der Ukraine kann dem Frieden eine Chance geben. Die Russen müssen erkennen, dass sie den von ihnen ausgelösten Konflikt nicht gewinnen können. Senator Lindsey Graham forderte die Lieferung von -Tomahawk-Raketen an die Ukraine. Das wäre eine angemessene Nutzung von Druckmitteln im Verhandlungsprozess. Laut Insidern in Washington lehnte Trump diese Idee jedoch ab, da sie den «Friedensprozess» beeinträchtigen könnte.
Die Bromance zwischen Trump und Putin bildet mindestens für ein weiteres Jahr den Rahmen für Krieg und Frieden.
Die Lage auf dem Schlachtfeld hat sich derweil nicht wesentlich verändert. Im Januar besetzten die Russen nur gut halb so viel ukrainisches Gebiet wie im Dezember oder November. In absoluten Zahlen sind sie auf das Niveau vom September 2025 zurückgefallen. Sie führen täglich die gleiche Anzahl von Angriffen durch, erobern aber weniger Territorium. Gleichzeitig erleiden sie die gleichen hohen Verluste an Personal. Die russischen Verluste im Jahr 2025 waren die höchsten aller Zeiten.
Die angreifende Armee hat jedoch Fortschritte hinsichtlich der Qualität und Anzahl der Drohnen gemacht. Sie verbesserte die Taktik der Drohneneinheiten. Die Russen bombardieren zudem weiterhin ungestraft die Frontlinie und den nahen Hinterlandbereich mit einer zunehmenden Anzahl von Lenkbomben.
Der von der Ukraine kontrollierte Teil der Region Donezk sowie die Region Saporischschja werden dieses Jahr höchstwahrscheinlich zum Ziel der Russen. Es wird einige Zeit dauern, bis sich beide Kriegsparteien neu formiert haben, bevor die russische Offensive im Frühjahr mit erhöhter Intensität wieder aufgenommen wird.
Die Russen haben es 2025 nicht -geschafft, den Kampfgeist des ukrainischen Militärs und der Zivilbevölkerung zu brechen. Auch 2026 werden sie scheitern. Russland wird in eine Wirtschaftskrise geraten und als geopolitischer Akteur noch mehr an Gewicht verlieren. Ob sich die Russen dann daran erinnern, warum sie diesen Krieg begonnen haben?
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Das Gegenteil stimmt: Trump…
Das Gegenteil stimmt: Trump will ebenso wie Biden und alle "Nachrichtensprecher" vor ihm, gegen Russland Landraub vollführen wie gegen die Indianer damals.
Dass das die "Schäfchen" in Europa statt zu durchschauen, sogar mit (Stand jetzt) 14 Likes promoten, lässt tief blicken, zumal in einem Land, das vorgeblich stolz sei auf Wilhelm Tell (gegen Vögte) und der Spruch Mode ist: Nur die allerdümmsten Kälber (Schafe nennt sie die Kirche) wählen ihren Metzger selber".