Russen wollen Frieden – aber nicht ohne Kriegsbeute
Umfragen zeigen, dass der Friedenswunsch in der russischen Bevölkerung zunimmt. Aber es muss schon ein Frieden nach Wladimir Putins Geschmack sein.
Umfragen zeigen, dass der Friedenswunsch in der russischen Bevölkerung zunimmt. Aber es muss schon ein Frieden nach Wladimir Putins Geschmack sein.
Unter dem Namen Viktor Schewtschuk schreibt an dieser Stelle ein ukrainischer Offizier, Militärexperte und Politikwissenschaftler über den Verteidigungskrieg gegen Russland. Er drückt dabei seine persönliche Meinung aus, basierend auf allgemein zugänglichen Informationen.
von Viktor Schewtschuk
Im Westen ist die Überzeugung weit verbreitet, dass Wladimir Putin und nicht das russische Volk für den Krieg gegen die Ukraine verantwortlich ist. Doch es gibt Aufzeichnungen von Telefongesprächen mit russischen Soldatenfrauen, die ihre Ehemänner auffordern, ukrainische Frauen zu vergewaltigen.
Es sind nicht Putin, Lawrow oder Patruschew – es sind gewöhnliche Russen, die in der Ukraine morden und vergewaltigen. Aber welche soziologischen Daten gibt es zu diesem Thema? Schauen wir uns die Daten des russischen Analysezentrums Lewada und des russischen Soziologie- und Marktforschungsunternehmens Russian Field an.
Das Lewada-Zentrum ist eine traditionsreiche Nichtregierungsorganisation, die seit 1988 Umfragen durchführt. Russian Field ist seit sechs Jahren auf dem Markt tätig. Lewada führt persönliche Interviews durch, während Russian Field Telefonumfragen durchführt.
Im September/Oktober 2022 sprachen sich auf die Frage «Soll Russland seine Militäroperation in der Ukraine fortsetzen oder Friedensgespräche aufnehmen?» 46 Prozent der Russen für eine Fortsetzung des Krieges aus, während 44 Prozent Friedensgespräche befürworteten. Im Juni dieses Jahres waren noch 39 Prozent für den Krieg, während 50 Prozent für den Frieden waren (Russian Field).
Auf die gleiche Frage des Lewada-Zentrums im September/Oktober 2022 sagten 40 Prozent Ja zum Krieg und 53 Prozent Ja zum Frieden. Im Juni/Juli 2025 sprachen sich noch 30 Prozent für Krieg und 64 Prozent für Frieden aus.
Laut Russian Field liegt der Anteil der Russen, die Frieden bevorzugen würden, seit Juni 2023 konstant über dem Anteil derjenigen, die den Krieg unterstützen.
Auf die Frage von Russian Field nach der Unterstützung für einen bedingungslosen Waffenstillstand entlang der bestehenden Frontlinie antworteten im Juni 58 Prozent der Russen mit Ja. Das sind 3 Prozent mehr als im Februar.
Besonders interessant wird es, wenn Russen nach der Qualität des Friedens gefragt werden, den sie zu akzeptieren bereit sind: Auf die Frage nach den zwingenden Bedingungen für ein Friedensabkommen sind nur 11 Prozent bereit, alle Gebiete an die Ukraine zurückzugeben und die Grenze von 1991 wiederherzustellen. 18 Prozent sind bereit, einen Teil der Gebiete zurückzugeben.
Gleichzeitig wurden die in den russischen Ultimaten vorgestellten Forderungen (Reduktion der ukrainischen Streitkräfte; Aufhebung der Sanktionen gegen Russland; Anerkennung der Regionen Saporischschja und Cherson als russische Gebiete; Parlaments- und Präsidentschaftswahlen in der Ukraine; Verbot einer Nato-Mitgliedschaft der Ukraine; Anerkennung der selbsternannten Republiken Donezk und Luhansk als russische Gebiete) von 59 bis 78 Prozent der Russen unterstützt.
Nun ergibt aber der abstrakte Wunsch nach Frieden ohne Kontext keinen Sinn. Der russische Kontext ist eine absurde Reihe von Forderungen des Aggressors an den Verteidiger. Die Unterstützung der russischen Öffentlichkeit für diese Forderungen macht ihren gleichzeitigen Wunsch nach Frieden zu einer Art schizophrener Tendenz, wenn nicht sogar völlig bedeutungslos.
Wladimir Putins Zustimmungsrate stieg von 70 Prozent vor der Invasion
auf seither 80 bis 87 Prozent.
Die Antworten auf die Frage des Lewada-Zentrums «Unterstützen Sie persönlich die Aktionen des russischen Militärs in der Ukraine?» sind da bezeichnend: Die Ergebnisse haben sich von März/April 2022 bis September/Oktober 2023 oder Juni/Juli 2025 nicht wesentlich verändert. 77, 73 beziehungsweise 76 Prozent der Befragten sagten Ja.
Die Unterstützung für das russische Militär und seine Aggression entspricht den hohen Zustimmungswerten für den russischen Präsidenten. Wladimir Putins Zustimmungsrate stieg von 70 Prozent am Vorabend der vollständigen Invasion der Ukraine auf 80 bis 87 Prozent während des grossen Krieges. Die lokalen Gouverneure haben seit Februar 2022 10 bis 15 Prozent hinzugewonnen. Selbst die Staatsduma, die unbeliebteste russische Institution, hat 10 bis 15 Prozent an Zustimmungswerten hinzugewonnen (Lewada-Zentrum).
Der gleiche Trend in Bezug auf die russischen Machtinstitutionen war nach der Annexion der Krim im Jahr 2014 zu beobachten. Die Konsolidierung der russischen Gesellschaft um die Flagge und Putin ist offensichtlich. Und es ist die Flagge des Ultimatums des Kremls an die Ukraine und den Westen, nicht die Flagge des Friedens.
Es gibt eine leichte Verschiebung hin zu einem Friedenswunsch in der russischen Gesellschaft. Aber um von dieser Tendenz zu profitieren, müssen die Ukraine und ihre westlichen Partner den militärischen und wirtschaftlichen Druck auf Russland erhöhen, um dessen maximalistische Forderungen zu brechen. Ein dauerhafter Frieden mit Russland – sowohl mit den Behörden als auch mit der Gesellschaft – ist ohne Gewalt nicht zu erreichen.
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