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Frontlage: Die Russen werden nur langsam schneller

Die aktuellen russischen Landgewinne sind immer noch bescheiden – aber die Zunahme der Geschwindigkeit ist besorgniserregend.

Südostschweiz
11.07.25 - 12:00 Uhr
RUSSIA UKRAINE
Schneller als im Frühling: Die russische Armee rückt in der Ukraine vor.
Bild: Keystone

Unter dem Namen Viktor Schewtschuk schreibt an dieser Stelle ein ukrainischer Offizier, Militärexperte und Politikwissenschaftler über den Verteidigungskrieg gegen Russland. Er drückt dabei seine persönliche Meinung aus, basierend auf allgemein zugänglichen Informationen.

von Viktor Schewtschuk

Zwei Monate nach dem letzten hier gezeigten Überblick über die Frontlinie halten die damaligen Entwicklungen auf dem Schlachtfeld im Krieg Russlands gegen die Ukraine an. Das russische Militär konnte weder auf operativer noch auf strategischer Ebene einen Durchbruch erzielen. Allerdings hat sich das Tempo ihres Vormarsches erhöht.

Die Russen verfolgen dieselbe Taktik wie 2024, allerdings mit ausgefeilteren Plänen. Sie versuchen weiterhin, die Ukrainer mit kleinen Infanteriegruppen zurückzudrängen, anstatt mit schwerem Gerät tief ins Gebiet vorzudringen. Gepanzerte Fahrzeuge werden vom Schlachtfeld ferngehalten.

Hinter den einzelnen russischen Angriffen steckt kaum ein Plan. Aber diese Angriffe sind zahlreicher denn je. Sie durchbrechen die ukrainische Verteidigung, wo immer sie eine Möglichkeit sehen.

Nur die Situation westlich der Oblast Donezk deutet auf eine Art Plan der Russen hin. Dieser sieht vor, die Ballungsräume Kostiantyniwka-Kramatorsk-Slowiansk und Pokrowsk-Myrnohrad einzunehmen.

Ersteres wäre ein grosser Schritt in Richtung Eroberung der gesamten Region Donezk. Letzteres würde dem gleichen Ziel dienen und zusätzlich die Möglichkeit eröffnen, sich über offenere Gebiete im Westen in Richtung des Flusses Dnipro zu bewegen.

Die russische Offensive 2025 verläuft schneller als jene von 2024. Ein weiterer Trend ist der Rückgang der russischen Verluste in den letzten Monaten. Im April und Mai dieses Jahres rückten die russischen Streitkräfte täglich um 6 bis 8 Quadratkilometer vor. Derzeit beträgt die Rate 15 bis 20 Quadratkilometer pro Tag.

Dieses Tempo führte dazu, dass die Ukraine im Juni etwa 550 Quadratkilometer verlor. Das entspricht in etwa der Fläche des Bodensees und ist angesichts der Grösse der Ukraine immer noch sehr bescheiden: ein Landstreifen von 20 mal 30 Kilometern an einer mehr als 1000 Kilometer langen Frontlinie. Dennoch ist der Trend besorgniserregend.

Neben Pokrowsk und Kostjantyniwka üben die Russen auch in anderen Richtungen Druck aus. Sie sind in der Nähe von Kupjansk und Siversk vorgerückt. Dies war im Zusammenhang mit der Operation gegen Kostjantyniwka wenig überraschend.

Die Stossrichtung Nowopawliwka im Südwesten der Region Donezk ist der grösste Erfolg der Streitkräfte des Angreifers. Dadurch können die russischen Planer wählen, ob sie entlang der Strasse von Saporischschja nach Donezk nach Westen oder nach Nordwesten in Richtung Pawlohrad und Dnipro vorrücken wollen.

Eine relativ neue Entwicklung ist der russische Vormarsch in der Nähe des Flusses Dnipro nahe der Stadt Saporischschja.

Das ukrainische Militär hat dafür die Nordfront in der Nähe der Region Sumy stabilisiert und die russischen Streitkräfte von einigen Positionen dort zurückgedrängt.

Beide Seiten haben zudem ihre Luftangriffe verstärkt. Die russischen Streitkräfte haben seit Januar die Zahl der eingesetzten Drohnen vom Typ Schahed verdoppelt. Sie wenden ausgefeiltere Taktiken an, um die Verteidigungslinien zu durchbrechen, und konzentrieren sich auf weniger Städte, um gezieltere Angriffe durchzuführen.

Russische Analysten, die sich auf russische Generäle berufen, die planten, die ukrainischen Verteidigungslinien bis spätestens Sommer 2025 zu durchbrechen, überdenken derzeit ihre Prognosen. Sie gehen davon aus, dass Russland die ukrainische Armee bis 2027 erschöpfen könnte.

US-Präsident Trump hat wieder begonnen, über militärische Unterstützung für die Ukraine zu sprechen. Chinesische Medien werden andererseits genutzt, um die Idee zu verbreiten, dass China es nicht zulassen werde, dass Russland den Krieg verliert.

Es scheint, dass keines der beiden Länder über die Ressourcen verfügt, um diese intensiven Kämpfe noch zwei oder sogar drei Jahre lang fortzusetzen. Die militärischen Reserven und die Wirtschaft werden den Krieg entscheiden.

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