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Aus irgendeinem Grund braucht Russland eine Pause

Südostschweiz
05.09.25 - 12:00 Uhr
RUSSIA UKRAINE
Am 30. August in Moskau: Der russische Generalstabschef Walery Gerassimow zählt die Erfolge der Sommeroffensive auf.
Bild: Keystone

Unter dem Namen Viktor Schewtschuk schreibt an dieser Stelle ein ukrainischer Offizier, Militärexperte und Politikwissenschaftler über den Verteidigungskrieg gegen Russland. Er drückt dabei seine persönliche Meinung aus, basierend auf allgemein zugänglichen Informationen.

Moskaus Sommeroffensive ist vorbei, die Erfolge sind bescheiden. Jetzt holen die russischen Streitkräfte Luft für die angekündigte Herbstoffensive.

von Viktor Schewtschuk

Russlands Sommeroffensive ist beendet. Generalstabschef Walery Gerassimow erklärte am vergangenen Wochenende, die Russen hätten seit März 149 Dörfer erobert. Gerassimow bezog sich dabei auf eine Militärkarte, die Russlands Gebietsgewinne um 30 Prozent übertreibt.

Ich selber habe russische Feldkarten gesehen. Sie übertreiben die Erfolge Russlands. Die Russen lügen.

Das American Institute for the Study of War (ISW) hat berechnet, dass die Russen seit März 130 Dörfer in der Ukraine erobert haben. Diese Zahl mag beeindruckend erscheinen, bis man sie im Kontext betrachtet: Erstens gibt es allein in der Region Donezk über tausend Dörfer. Zweitens haben die Russen seit dem Frühjahr keine einzige Stadt erobert, was eine klare Niederlage darstellt.

Russland besetzt derzeit 19,2 Prozent des ukrainischen Territoriums. Der grösste Teil davon wurde zwischen 2014 und 2022 erobert. Nur 1 Prozent des ukrainischen Territoriums wurde von Russland während seiner tödlichen Angriffe in den letzten drei Jahren erobert.

Wenn 130 Dörfer in 180 Tagen besetzt wurden, bedeutet dies, dass die Armee des Angreifers in der Lage ist, an einer über 1200 km langen Frontlinie etwa 0,7 Dörfer pro Tag zu erobern. Für jedes dieser Dörfer verliert sie etwa 1000 Soldaten, die getötet oder verwundet wurden. US-Aussenminister Marco Rubios und US-Präsident Donald Trumps Schätzungen der russischen Verluste sind sogar noch höher.

Allerdings haben die ukrainischen Streitkräfte die Frontlinie zu diesem Zeitpunkt noch nicht stabilisiert, und das russische Militär setzt seine Taktik der Tausenden kleinen Angriffe fort. Den Russen ist es so gelungen, an mehreren Fronten, die seit 2022 oder 2023 stabil waren, den Stillstand zu durchbrechen. Es gibt jetzt gefährlichere Frontabschnitte als noch 2024.

Aber an ihren Hauptfronten – dem Ballungsraum Pokrowsk-Myrnohrad im Westen der Oblast Donezk und nördlich der Stadt Sumy – waren die Russen nicht erfolgreich.

Im August eroberten russische Truppen weniger Gebiet als im Juli oder im Juni. Die Zahl ihrer Angriffe ist nach wie vor hoch – etwa 150 pro Tag entlang der gesamten Frontlinie. Aber die Intensität der Angriffe und damit auch die russischen Verluste gingen im August zurück.

Da die russischen Offensivbemühungen nachgelassen haben, konnten die Ukrainer ihre taktischen Positionen in mehreren Gebieten verbessern. Aber den Ukrainern fehlen frische Reserven, um wichtige Gebiete zu konsolidieren und eine Gegenoffensive zu starten.

Beide Kriegsparteien kämpfen um den Zusammenbruch der Streitkräfte des Feindes, nicht um bestimmte Gebiete.

Bis Ende Jahr wird sich zeigen, ob Moskau wirklich in der Lage ist, seine Reserven nicht nur aufzufüllen, sondern auch zu vergrössern.

Das russische Militär hat sich mehreren Städten in der Region Donezk genähert. Der Erfolg oder Misserfolg der russischen Militäroffensive wird daran gemessen werden, ob es gelingt, grosse Ballungsräume und offene Felder westlich des Dnipro zu besetzen.

Russland ist es weder gelungen, die ukrainische Front zu durchbrechen, noch konnte es die ukrainische Zivilbevölkerung mit Luftangriffen demoralisieren.

Die territorialen Gewinne Russlands sind marginal. Sie werden jedoch an wichtigen Fronten erzielt. Beide Kriegsparteien kämpfen um den Zusammenbruch der Streitkräfte des Feindes, nicht um bestimmte Gebiete.

Russische Generäle, die die Kreml-Behörden belügen, tragen dazu bei, dass diese glauben, es gebe keinen Grund, den Krieg zu beenden.

Es ist überraschend, dass das russische Militär nun eine Pause einlegt, um sich neu zu organisieren und Vorräte aufzufüllen, obwohl die Bäume noch die nötige Deckung für Angriffe bieten und es noch lange nicht herbstlich kalt und matschig ist. Aus irgendeinem Grund brauchen sie jetzt eine Pause, um zur nächsten Phase überzugehen – der Herbstkampagne.

Was auch immer Politiker und Diplomaten öffentlich sagen, General Gerassimow hat die russische Herbstkampagne angekündigt. Ohne grünes Licht von Oberbefehlshaber Wladimir Putin hätte er es niemals gewagt, solch kühne Aussagen zu machen.

Für die Ukraine und Russland ist es ein Wettlauf gegen die Zeit. Die personellen Ressourcen und die Wirtschaft sind überlastet. Aber Russland wird keine sinnvollen Verhandlungen führen, bis es an der Front gestoppt und im Landesinneren geschlagen wird.

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