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Letzthin auf der Baustelle …

Letzthin auf der Baustelle …

vor 1 Monat in
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Im Blog «Anpfiff» berichten Journalistinnen und Journalisten jede zweite Woche aus der Südostschweiz-Sportredaktion.

Véronique Ruppenthal* über hohe Mauern

Wer nach dem Titel jetzt einen geschmacklosen Bauarbeiterwitz erwartet, der muss gar nicht weiterlesen. Stattdessen geht es um eine Geschichte, die sich kürzlich auf der Oberen Au in Chur abgespielt hat. Dort wird gefühlt ununterbrochen gebaut. Ich weiss nicht, wann ich dort das letzte Mal keine staubaufwirbelnden Maschinen gekreuzt habe und keinen Umweg um rot-weisse Absperrlatten laufen musste. Jedes Mal siehts wieder anders aus. Neuerdings klafft ein riesiges Loch im Boden neben dem Thomas-Domenig-Stadion. Der Baustart der neuen Trainingseishalle markiert den Beginn einer neuen Etappe im Masterplan, um die in die Jahre gekommenen Sportanlagen aus den frühen 70er-Jahren zu modernisieren. Und genau diesen Baustart wollte ich kürzlich für TV Südostschweiz in einem Beitrag dokumentieren.

Für alle, die sich über den Lärm, den Staub und den Bauverkehr auf der Oberen Au nerven: Hier entstehen dereinst modernste Infrastrukturen für so ziemlich alles, was das Sportlerherz begehrt. Und wer nach all den Volksabstimmungen den Überblick über die vielen Neuerungen verloren hat, hier eine Zusammenfassung: Bereits umgesetzt sind etwa ein Skatepark, eine Boccia-Anlage mit Klubhaus, die Renaturierung des Mühlbachs sowie drei Kunstrasenplätze. Weiter erstellt werden noch mehrere Naturrasenplätze für Fussball und American Football, ein Tribünengebäude sowie eine Trainingseishalle mit Gymnastikraum und mehreren polyvalenten Garderoben.

Stadtpräsident Urs Marti hat mich letzte Woche auf die Baustelle seines Herzensprojekts begleitet. Mit dabei natürlich auch Vertreter der Baufirma, wegen der Sicherheit. Und wie sich herausstellte, auch aus PR-Gründen. Für ein gutes und schönes TV-Interview muss ich als Journalistin vieles mitberücksichtigen: Das Gesicht des Stadtpräsidenten sollte gegen die Sonne gerichtet sein, nur so fest, dass es ihn nicht zu stark blendet, aber dass es dennoch schön ausgeleuchtet ist und sich keine fiesen Schatten bilden. Gleichzeitig muss der Hintergrund passen, da will ich natürlich die Baustelle sehen und im besten Fall noch, wie dort gearbeitet wird, für eine lebendige und authentische Szenerie. Mit all dem Lärm, Staub und Bauverkehr.

Ob sie noch ihr Logo irgendwo platzieren dürften, haben die Bauleute gefragt. Selbstverständlich, man darf ja sehen, wer da baut. Ein kleines Fähnchen im Hintergrund, habe ich mir vorgestellt. Doch dann kamen sie mit einer Riiiesenwand angelaufen, meterhoch, dreimal so breit und knallorange, und wollten damit direkt hinter Urs Marti eine so gewaltige Mauer aufziehen – der amerikanische Noch-Präsident wäre erblasst vor Neid –, dass sie meinen Bildausschnitt mit Blick auf die Baustelle komplett ausgefüllt hätte, bis an den Rand. Ich war beeindruckt, wie weit das Marketing-Denken auch auf Baustellen fortgeschritten ist – offenbar inspiriert von Sportler-Interviews, die finden ja auch immer vor knalligen Sponsorenwänden statt. Von daher haben sie ihre PR-Aufgabe gut gemeistert. 

Mit dem Argument, dass man ihr Riesenlogo auf dem noch riesigeren Gemäuer von so nahe gar nicht ganz sehen könne, und dass ich so vor allem die Baustelle, um die es doch gehen sollte, nicht mehr im Blick hätte, konnte ich sie anweisen, ihre Wand weiter hinten zu platzieren. Zwar nicht mehr so nah, aber dafür als Ganzes sichtbar, zusammen mit der Baustelle und dem Stadtpräsidenten. Fazit der Geschichte: Abstand hilft. Aber wem muss ich das heute noch sagen.

*Véronique Ruppenthal ist Sportredaktorin bei TV Südostschweiz

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