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Ach du schönes «alte Herren, 19 Uhr»

Uhr
Roman
Michel

Im Blog «Anpfiff» berichten Journalistinnen und Journalisten jede zweite Woche aus der Südostschweiz-Sportredaktion.

Roman Michel* mit einer Ode an Geisterspiele – nicht immer ernst gemeint

Es war einmal der Fussball. 22 Spieler rannten einem Ball hinterher, auf der Tribüne staunten die vielen Tausend Fans über jedes Dribbling, sie pfiffen bei jedem Zweikampf und klatschten bei jedem Tor. Dann kam Corona. 

Es war einmal das Eishockey. 42 Spieler kurvten auf dem Eis herum, auf der Tribüne freuten sich die vielen Tausend Fans über jeden Check, sie fluchten bei jeder Strafe und jubelten bei jedem Tor. Dann kam Corona. 

Ob Fussball oder Eishockey – längst haben wir uns an die leeren Stadien gewöhnt, auch wenn wir das eigentlich nicht wollen. Luis Enrique, der Trainer des spanischen Fussball-Nationalteams sagte, Geisterspiele seien «trauriger als mit deiner eigenen Schwester zu tanzen». Vielleicht stimmt das. Ich habe keine Schwester. Thomas Müller, der Stürmer von Bayern München, sagte, die Atmosphäre fühle sich an wie «alte Herren, 19 Uhr». Vielleicht stimmt das. Überprüfen kann ich es nicht, die alten Herren dürfen hierzulande nicht einmal mehr trainieren. Auch nicht vor 19 Uhr. 

Acht Geisterspiele habe ich bisher live miterlebt. Weil Journalisten zu jenem Kreis gehören, die trotz Corona weiter ins Stadion dürfen. Oder müssen? Die Atmosphäre ist trostlos (wie bei alte Herren, 19 Uhr?), in einzelnen Hallen ist es ohne Fans so kalt, dass selbst die Skiausrüstung nicht mehr hilft. 

Aber die Geisterspiele haben eben auch ihre Vorteile. Stau in Stadionnähe? Post-Corona-Problem. Volle Parkplätze? Genauso. «Lassen Sie Ihr Auto stehen, wo Sie wollen», sagt der Funktionär in gelber Leuchtweste vor der Postfinance-Arena in Bern, «wir haben genug Platz.» Eine Handvoll Wagen stehen am Ende auf dem grossen Parkfeld. Wie bei alte Herren, 19 Uhr. In Biel ist das sonst übervolle Parkhaus ausgestorben. So, dass ich nach dem Spiel auf der Suche nach meinem Auto für einmal nicht minutenlang durch die riesige Tiefgarage irren muss. 

Kein Gedränge vor dem Stadioneingang. Keine Schlange vor den Toiletten drinnen. Keine Fangruppen, die johlend die Gänge versperren. Niemand, der im Weg steht, wenn ich nach dem Spiel für die Interviews von der Pressetribüne an die Bande hetze. Und der eine Imbissstand, der für die kleine Gruppe hungriger Journalisten und Funktionäre noch geöffnet hat, ist ein kleiner Gourmet-Tempel statt Massenabfertigung. Wie oft war mein Schnitzel schon kalt. Wie oft das Brötchen latschig. Bei Geisterspielen ist das anders. Es mag zwar etwas länger dauern (was sich mit dem wegfallenden Anstehen kompensiert), dafür gibts das Schnitzelbrot frisch zubereitet, knackig-frisch im Biss. 

Apropos Biss: Die verbreitete Meinung, Geisterspiele seien weniger intensiv und verlören damit an Attraktivität, lässt sich nicht bestätigen. Im Gegenteil: Strafen gibt es wie zuvor, in den Spielen des HC Davos fallen im Schnitt über sieben Treffer. Wenn sich da einer vor dem TV gelangweilt fühlt, rate ich dringend zu einem Wechsel der Sportart. Vielleicht alte Herren, 19 Uhr?

Irgendwann kommt die Zeit, in der Corona wieder nur ein Bier sein wird. In der die Zuschauer zurück in die Stadien strömen. Ich werde vor dem Stadion wieder eine halbe Stunde im Stau stehen, mich durch die Menge zum Eingang kämpfen müssen, ein kaltes Schnitzelbrot essen. Und vielleicht an einem freien Abend um 19 Uhr mal auf den Fussballplatz gehen. Zu den alten Herren. 

*Roman Michel ist stellvertretender Leiter Sport bei der «Südostschweiz». 

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