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Verletzte Sportler sind Mentalitätsmonster

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Tobias
Kreis

Im Blog «Anpfiff» berichten Journalistinnen und Journalisten jede zweite Woche aus der Südostschweiz-Sportredaktion.

Tobias Kreis* über Verletzungen im Profisport

Verletzungen gehören zum Sport dazu. Das weiss, wer Sport treibt. Das weiss auch, wer über Sport schreibt. Sportjournalisten erhalten von Sportverbänden in schöner Regelmässigkeit Medienmitteilungen, in denen über Verletzungen ihrer Athletinnen und Athleten berichtet wird. Auffällig oft betroffen sind die alpinen Skirennfahrer. Die Prättigauerin Luana Flütsch kommt mir in den Sinn. Oder der Domleschger Mauro Caviezel. In den nunmehr knapp fünf Jahren, in denen ich für die Sportberichterstattung auf «suedostschweiz.ch» verantwortlich bin, ist keine Saison vergangen, in der ich nicht über eine schwere Verletzung von einem der beiden Ski-Cracks hätte berichten müssen. 

Erst diesen Sommer riss sich Caviezel die Achillessehne. Notabene wenige Tage, nachdem er sich aufgrund seiner fabelhaften Saison, die im Gewinn der Super-G-Kristallkugel gipfelte, als Bündner Sportler des Jahres hatte auszeichnen lassen dürfen. Freud und Leid liegen im Sport wahnsinnig nahe beieinander. «Wird er rechtzeitig zum Saisonstart zurück sein?», fragte ich mich sogleich. Doch eigentlich hätte die Frage lauten müssen: «Gibt es überhaupt ein Comeback?»

Ein kleines Comeback ist auch diese Kolumne hier. Sie ist der erste Text, den ich nach, oder besser gesagt mit einer Verletzung schreibe. Rund zehn Tage hielt mich eine sogenannte Akromioklavikularluxation von der Arbeit an der Computertastatur fern. Weitere drei bis sechs Monate werden vergehen, bis ich mich wieder in gewohntem Rahmen selber sportlich werde betätigen können. Als ehemaliger Sportstudent mache ich gerne «vo allem e bitzli», als Fussballspieler bin ich darüber hinaus aktiv in einer Amateurliga unterwegs. Das Fussballspielen war es auch, das zu dieser Verletzung an der Schulter führte. 

Bald 31-jährig drängt sich jemandem wie mir die Frage auf, ob es nicht sinnvoller wäre, bei der Auswahl der Sportarten künftig eine gewisse Risikoaversion walten zu lassen. Gepaart werden diese Gedanken mit einigen praktischen Herausforderungen. Wer schon mal erfahren hat, wie es sich anfühlt, am einen Tag noch Bäume ausreissen und sich am anderen Tag nicht mal mehr ein T-Shirt überstreifen zu können, weiss wovon ich spreche. Allen anderen sei gesagt – man möge über die Ausdrucksweise hinwegsehen – , dass es einfach eine «Scheiss-Situation» ist.

Wie sich Berufssportlerinnen und Berufssportler in einer solchen Situation fühlen, kann ich dennoch höchstens erahnen. «Auch diese Verletzung heilt wieder und ich setze alles daran, so schnell wie möglich wieder in Form auf die Ski zurückzukehren», hatte Mauro Caviezel im Juni nach seinem Achillessehnenriss zwar ausrichten lassen. Doch bin ich mir sicher, dass sich der 32-Jährige ernsthafte Gedanken um einen Rücktritt vom Spitzensport gemacht hat. Denn die grösste Hürde ist nicht die aktuelle Rehabilitationsphase. Diese ist sowieso alternativlos. Vielmehr setzt sich Caviezel durch die Fortsetzung seiner Skikarriere bewusst aufs Neue dem Verletzungsrisiko aus. Und dies ist gerade mit einer bereits langen Verletzungshistorie für den Kopf alles andere als einfach. 

Ob ich selber diese mentale Herausforderung meistern und auf den Fussballplatz zurückkehren werde, weiss ich noch nicht. Dass Skirennfahrer wie Caviezel oder Flütsch jedes Mal und scheinbar ohne grosses Zögern ihr Comeback in Angriff nehmen, macht sie zu wahren Mentalitätsmonstern.

*Tobias Kreis ist Online-Sportredaktor.

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