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«Finger usem A ...»

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Virus Outbreak Djokovic Event Virus Cases
Marko Janjic, an artist, draws a portrait of Serbian tennis player Novak Djokovic on a house in Vodice, Serbia, Thursday, June 25, 2020. Djokovic has tested positive for the coronavirus after taking part in a tennis exhibition series he organized in Serbi
Dario
Gruber

Im Blog «Anpfiff» berichten Journalistinnen und Journalisten jede zweite Woche aus der Südostschweiz-Sportredaktion.

Es waren Bilder, die mir in den letzten Wochen schon etwas zu denken gegeben haben. Neulich wie sich die Tennis-Elite um Novak Djokovic, Alexander Zverev und Co., halb nackt mit einem «Cüpli» in der Hand in einem Belgrader Club vergnügten und sich dabei vielleicht noch selbst gefeiert hatten. Natürlich nicht aus Langweile, sondern mitten in der Corona-Krise. Mitten in der Zeit, in der Abstand halten und Hygienevorschriften die Rahmenbedingungen sein sollten. Djokovic, der aktuelle Weltranglisten-Erste wollte mit der Adria-Tour die spannenden Duelle mit dem gelben Filzball wieder aufleben lassen. Doch es war kein Winner, Djokovic schoss den Ball ins Netz. Die Verantwortlichen der Adria-Tour verzichteten weitgehend auf Schutzmassnahmen und haben damit Spieler, Funktionäre und Fans gefährdet.

Zuschauermassen auf den Tribünen, Ballkinder, die verschwitzte Handtücher mit sich trugen, Tennis-Stars posierten mit Fans für Fotos und die eben besagte feuchtfröhliche Partynacht. Prompt folgte die Quittung Nr. 1: Die Adria-Tour wurde zum Superspreading-Event. Vier positive Corona-Fälle unter den Topspielern der Welt. Einmal mehr zeigt sich nun, auch etliche Millionen auf dem Bankkonto sind wertlos, wenn es an Vernunft und Disziplin mangelt. Klar, der Hintergedanke der Adria-Tour mag sinnvoll gewesen sein. Djokovic wollte einerseits den Fans eine Show bieten, andererseits Spenden sammeln und den Tennis-Stars wieder Spielpraxis verschaffen.

Quittung Nr. 2: Der verantwortungslose Umgang mitten in der Corona-Pandemie hat wahrscheinlich die Wiederaufnahme der Saison, die für doch einige Spieler eine Lebensgrundlage ist, über den Haufen geworfen. Sollen das die sportlichen Vorbilder für unsere Nachwuchshoffnungen sein? Für mich sind es immer noch die altbekannten, unaufgeregten und stillen Athleten Armon Orlik, Andres Ambühl, Carlo Janka usw., die gerade jetzt in Zeiten von Corona nicht zu Reden gaben. Härter denn je haben sie in irgendwelchen Trainingskellern Gewichte gestemmt oder haben in den Bündner Wäldern mit Baumstämmen um sich geworfen. Letztendlich wollen die sogenannten «Icemans» des Sports mit starken Leistungen für Furore sorgen.

Übrigens, ein Zuruf, der mir einmal während meiner aktiven Zeit beim EHC Chur von den Zuschauerrängen zu Ohren kam (er war im Stadion kaum zu überhören): «Finger usem A ...». Diesen Satz habe ich mir damals zu Herzen genommen, weil er eben im Sport treffender nicht sein könnte. Denn, wenn es nicht läuft, sollen bekanntlich Taten statt Worte folgen. Zuerst muss jedoch die Corona-Pandemie überwunden werden. Und wer weiss, vielleicht sorgen die betroffenen Tennis-Stars, in dieser Saison doch noch für positive Schlagzeilen. In meinem Kopf schwirrt vorerst noch ein anderer – wenn auch sehr unrealistischer Gedanke. Novak Djokovic könnte doch einen «Hosalupf» mit Armon Orlik im Schwingkeller machen. Wer hier wohl auch noch die Quittung Nr. 3 bekommen würde ...? Novak Djokovic hat in seinem Palmarès keine Kränze, sondern bemerkenswerte 79 Turniertitel, darunter alle vier Grand-Slam-Turniere. Keine Frage, Djokovic ist wohl derzeit der Beste in seiner Branche. Aber er sollte seine Rolle als Aushängeschild der Tennis-Szene wahrnehmen. Um ein grosser und wahrer Champion zu sein, zählen nicht nur die Taten auf – sondern auch das Verhalten neben dem Platz. Das sollte allen bewusst sein.

Dario Gruber ist Leiter Sport bei Radio Südostschweiz.

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