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In der «Corona Fitness Group»

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PIXABAY
Jan
Zürcher

Im Blog «Anpfiff» berichten Journalistinnen und Journalisten jede zweite Woche aus der Südostschweiz-Sportredaktion.

Ich mag keine Fitnessstudios, genauso wenig wie Rosenkohl oder warmes Bier, wobei ich mich im Zweifelsfall für Letzteres entscheiden würde. Es ist ja nicht so, dass ich mich noch nie unter Fitnessverrückte gewagt hätte: dreimal die Woche Krafttraining, vorher Kohlenhydrate schaufeln, nachher Proteindrink bechern. Aber ausnahmslos jedes Mal machten mir nach nur wenigen Probetrainings entweder meine Motivation, mein Zeitmanagement oder letztlich ganz einfach meine Laune einen dicken Strich durch die Rechnung. Sogar dann, als ich als Student drei Jahre lang sämtliche universitären Fitnessräume in Freiburg praktisch gratis hätte benutzen können. Seither habe ich kein Fitnessstudio mehr betreten. Das ist jetzt drei Jahre her.

Selbstverständlich achte ich auf meinen Körper, Sport ist ein täglicher Begleiter, nicht nur in meiner Tätigkeit als Sportjournalist: Unihockey, Tennis, Biken und seit neuestem Yoga. Aber mit den Fitnessstudios werde ich nicht warm. Nüchtern betrachtet sind meine Gründe dafür ziemlich legitim, finde ich. Ist es nicht plausibel, eine Velotour auf den Kunkelspass einem eintönigen Ergometer vorzuziehen? Und auch die Pflastersteinpassagen über den altehrwürdigen Gotthardpass möchte ich nicht versäumen auf Kosten von drei Rudereinheiten, dreissig Minuten auf dem Stepper und was sonst noch so alles auf meinem Fitnessplan stände. Und zudem sind da häufig zu viele Leute.

Ich bin wohl nicht der Einzige, dem die Coronakrise im persönlichen Fitnesslevel zugesetzt hat. Mein Unihockeytraining fällt aus, aus einem zähen Tennis-Battle wird ein Replay-Fernsehabend, bei dem mein Kontrahent und ich uns den legendären Wimbledonfinal von 2008 zwischen Nadal und Federer nochmals mit einer Tüte Chips zu Gemüte führen. Passivsport quasi.

Dann die Wende, als ich einige Tage nach dem Shutdown Mitte März in die Whatsapp-Gruppe «Corona Fitness Group» eingeladen und prompt wieder mit dem «Workout-Fieber» konfrontiert wurde. Der Chat lief in den Folgewochen auf Hochtouren, mindestens dreimal die Woche, manchmal auch täglich, verabredeten wir uns zum Training – natürlich zu Hause mittels Videokonferenz. Und wir machten fortan ziemlich genau das, was ich in all meinen Jahren ohne Fitnessstudiobesuch alles versäumt hatte. Liegestütze, Unterarmstütz (im Fitnessjargon auch Planking genannt), Rumpfbeugen, Muskeltraining mit dem Fitnessband, Dehnübungen – die ganze Palette. Übungen zur Instandhaltung der eigenen Fitness, verteilt in der ganzen Wohnung, vom Wohnzimmer über das Arbeitszimmer bis hin zum Gang. Hats mir Spass gemacht, in der hauseigenen Muckibude? Es ist zumindest ein Annäherungsversuch in meine wohl etwas zu festgefahrene Abneigung gegenüber Fitnesscentern. Wenn ich heute meinen bescheidenen Oberarmdurchmesser begutachte, weiss ich nicht, ob ich tatsächlich von unserem coronabedingten Fitnessprogramm profitiert habe, und doch bin ich dankbar, dass ich während des wochenlangen Stillstands Bewegung in meine Wohnung gebracht habe.

An dieser Stelle sei mir noch ein Dank an meinen guten Freund und kurzzeitigen Fitnessinstruktor erlaubt, merci Christian! Es war ein kurzes Abenteuer. Wir sehen uns heute Abend, wie immer am ersten Donnerstag des Monats, um 20.30 Uhr, in der Beiz am Stadtrand.

Jan Zürcher ist Sportredaktor.

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