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Spass auf Bewährung

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Am Samstag sind die BVB-Stars zurück auf dem Rasen. Zum Bundesliga-Restart kommt es zum Revierderby gegen Schalke 04. KEYSTONE
Tobias
Kreis

Im Blog «Anpfiff» berichten Journalistinnen und Journalisten jede zweite Woche aus der Südostschweiz-Sportredaktion.

Tobias Kreis* über die Vorfreude auf den Bundesliga-Restart

Seit zwei Monaten leben wir in der Schweiz mit starken Einschränkungen in den Bereichen des öffentlichen Lebens. Fast ebenso lange ist die Reproduktionsrate des Coronavirus unter eins. Unsere Bemühungen, die Pandemie einzudämmen, fruchten seit Beginn. Der Bundesrat und BAG-Vertreter Daniel Koch werden nicht müde, die Bevölkerung für das disziplinierte Einhalten der Massnahmen zu loben. Doch nach nunmehr zwei Monaten ausserhalb unseres gewohnten Lebens ist das Verlangen nach Lockerungen gross. Die Leute lechzen danach, die Freizeit wieder nach ihren Wünschen gestalten zu können. Nach der zweiten Lockerungs-Stufe vom Montag befinden wir uns auf bestem Weg zurück in die Normalität. Schulen, Läden und einige Freizeitanlagen sind wieder offen.

Bereits einen Schritt weiter gegangen ist die deutsche Fussball-Bundesliga. Während hierzulande im Amateursport noch immer ein Kontaktverbot herrscht, nimmt die bedeutendste Sportliga Deutschlands am Wochenende den Spielbetrieb wieder auf. Nachdem die deutsche Fussballliga den politischen Entscheidungsträgern ein stimmiges Konzept zur Wiederaufnahme des Spielbetriebs vorgelegt hat, können ab Samstag die restlichen neun Spieltage ausgetragen werden. Der finanzstarke Verband setzt für den coronakonformen Spielbetrieb viele Ressourcen ein. Bereits in zwei Tagen werden deswegen auf dem Rasenplatz wieder 22 Fussballspieler um den Ball kämpfen. Millionen sehen dabei zu. Die Show geht weiter. Unzählige Fussballfans haben diesen Moment herbeigesehnt. Endlich können sie sich in ihrer Freizeit wieder der «schönsten Nebensache der Welt» widmen. 

Die Vorfreude ist nachvollziehbar. Die Bedingungen, unter denen der Bundesliga-Restart erfolgt, muten aber absurd an. Gemeinsames Jubeln, Abklatschen und Umarmungen sind für die Spieler zu unterlassen. Auch abseits des Spielfelds werden ungewohnte Bilder zu sehen sein. Ein gemeinsames Einlaufen gibt es nicht. Trainer und Spieler auf der Bank tragen Schutzmasken. Gleichzeitig aber ist Fussball eine Vollkontaktsportart. Die Spieler sind permanent in Zweikämpfe verstrickt. 

Trotzdem: Dass es in einer der Top-Ligen wieder Live-Fussball zu sehen gibt, «ist doch einfach geil», schrieb die Schweizer Sportjournalistin Céline Feller kürzlich. «Aber ist es auch verantwortungsvoll?», fragte sie im gleichen Satz. Es ist eine Fragestellung, die nicht nur für die Bundesliga ihre Berechtigung hat, sondern auch für alle anderen Lockerungen, die nun erlassen werden. Wie verantwortungsvoll ist es, wenn wir unsere Grosseltern wieder besuchen? Wie verantwortungsvoll ist es, wieder vermehrt den ÖV statt das Auto zu nutzen?

Uns muss bewusst sein, dass wir derzeit alle auf Bewährung sind. Die Bundesliga müsse sich nun Spieltag für Spieltag «verdienen», erklärte ZDF-Sportjournalist Béla Réthy im Gespräch mit «SRF Sport» treffend. Wenn alles funktioniert, können die Lockerungen und die Privilegien, die wir zurückerlangt haben, beibehalten und ausgebaut werden. Doch der Umgang mit dem Coronavirus gleicht einem Ritt auf der Rasierklinge. Entwickeln sich die Fallzahlen zum Schlechten, ist der ganze Spass schnell wieder vorbei. Es wird spannend zu sehen sein, wie wir Menschen mit der Verantwortung umgehen, die derzeit jede und jeder Einzelne trägt.

*Tobias Kreis ist Online-Sportredaktor

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