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Das Gute im Unumgänglichen sehen

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Gian Andrea
Accola

Im Blog «Anpfiff» berichten Journalistinnen und Journalisten jede zweite Woche aus der Südostschweiz-Sportredaktion.

Habt Ihr schon mal ein NHL-Spiel am TV mitverfolgt? Vielleicht trifft das ja auf einen kleineren zweistelligen Prozentsatz von Euch, werte Leser, zu. Jedenfalls läuft das nicht ganz gleich ab, wie bei einem Spiel in der hiesigen National League. Pro Drittel gibt es immer drei Werbeunterbrechungen. Commercial breaks. Hierzulande besser bekannt als Power Breaks, wobei das ja einem geradezu lächerlichen Euphemismus gleichkommt. In Nordamerika schämt man sich weniger dafür, Geld mit Unterhaltungsunterbrechungen verdienen zu wollen, anstatt die Schuld für diese Unterbrechungen den nicht ausgepowerten Spielern zuzuschieben.

Jedenfalls, man sitzt dann als Zuschauer des NHL-Spiels jeweils 90 Sekunden lang mehr oder weniger genervt vor der Mattscheibe und wartet. Und wartet. Im Idealfall nutzt man die Zeit und holt sich einen Snack oder verrichtet seine Notdurft. Nur, dreimal pro Drittel muss ja nicht mal der ambitionierteste Kampftrinker. Seis drum. Der geübte NHL-Zuschauer findet sich auf kurz oder lang damit ab, die Unterbrechungen über sich ergehen lassen zu müssen. Interessant wirds jedoch dann, wenn die NHL im Stadion auf Schweizer Eishockeyfans trifft. So geschehen etwa in der Vorsaison 2018 in Bern, als die New Jersey Devils gegen den SCB zum marketingrelevanten Testspiel antraten. Der Autor wurde amüsierter Zeuge des Unmuts in der Berner Arena, den die Commercial Breaks beim dortigen Publikum auszulösen vermochten. Das Schweizer Publikum wollte die drei Werbeunterbrechungen partout nicht dulden und pfiff jeweils gellend, wenn sich die Spieler zur Bank begaben. Nur – und das schien dabei niemand festzustellen – es ist ja nicht so, dass die Organisatoren der Spiele diese jeweils 90 Sekunden sinnlos verstreichen lassen würden. Während jedes Unterbruchs zischt eine Ice-Crew in präziser V-Flug-Formation über die Eisfläche. Das sieht dann aus wie eine Schar skandinavischer Wildgänse, die in ihr Winterdomizil gen Italien fliegt. Dabei stossen die Ice-Crew-Mitglieder etwa meterbreite Schaufeln vor sich her, die den immer wieder anfallenden Schnee von der Eisfläche entfernen. Denken Sie nicht, das sei nicht von Belang. Die Spieler danken es der Ice Crew jeweils.

Zum Beispiel etwa typischerweise dann, wenn eine Mannschaft gleich nach der Werbepause zum Überzahlspiel kommt. Wetten Sie darauf, dass es den Spielern lieber ist, auf einer sauberen Eisfläche zu spielen, anstatt gegen Ende jedes Drittels selbst den Schneepflug zu mimen. Eine schneefreie Eisfläche kommt den meist kreativen und abschlussstarken Stürmern im Powerplay zugute. Das sorgt letztlich für präzisere Aktionen und so für mehr Tore, die dann den eben noch genervt schnaubenden Zuschauer gleich wieder in Ekstase versetzen. Wer sich häufiger vom Hocker reissen lassen will, tut also gut daran, das Gute in den Werbepausen zu sehen. Es ist ja wie mit vielem im Leben: immer eine Frage der Betrachtungsweise.

Lasst mich jedoch noch eine amüsante Anekdote anfügen, die ich gerade in den USA erlebe. Man kann es mit der Eis- pflege auch etwas übertreiben. Dann zum Beispiel, wenn bei der Eisreinigung in der Pause die Eismeister mit Frottee-bespannten Bodenabziehern den Zambonis hinterherputzen, um eventuell doppelt gezogene Stellen schneller abzutrocknen. Oder dann, wenn derjenige, der die Tore nach der Eisreinigung wieder verankern soll, das Wasser mit einer Pipette aus den Bohrlöchern im Eis pumpt, nur um nicht nochmals bohren zu müssen. Das wird dann schon etwas absurd.

Gian Andrea Accola ist Sportredaktor bei Radio Südostschweiz.

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