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Bündner Sehnsuchtsort im Berner Oberland

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Tobias
Kreis

Im Blog «Anpfiff» berichten Journalistinnen und Journalisten jede zweite Woche aus der Südostschweiz-Sportredaktion.

Tobias Kreis* über den Riesenslalom von Adelboden

Das Januarloch ist uns allen ein Begriff. Ein Begriff, der im Duden als «Periode besonders geringer geschäftlicher, politischer, kultureller o. ä. Aktivität im Januar eines Jahres» definiert ist. Nur mühsam geht der Prozess vonstatten, sich aus den Fesseln des Festwochen-Deliriums zu befreien und Fahrt fürs neue Jahr aufzunehmen.

Als Sportfan gestaltet sich der Start ins neue Kalenderjahr indes deutlich leichter. Ein sportliches Highlight jagt das andere. Boxing Day, Spengler Cup, Tour de Ski, Vierschanzentournee, NFL-Playoffs – es werden alle möglichen Vorlieben bedient. Und als Beobachter des alpinen Skirennsports beginnt ohnehin genau jetzt die schönste Zeit. Die Januar-Klassiker stehen bevor. Die richtigen Monumente des Skirennsports. Nicht Bansko, Maribor und Ofterschwang heissen die Schauplätze, sondern Adelboden, Wengen und Kitzbühel.

Problemlos können ganze Januar-Wochenenden vor dem TV-Bildschirm verbracht werden. Es gibt definitiv Schlimmeres, als in der heimischen Stube mit den Schweizer Athletinnen und Athleten beim Kampf um die Hundertstelsekunden mitzufiebern, während es draussen trüb und nass ist. Gerade jetzt, wo die Schweiz nach dem Rücktritt der österreichischen Überfigur Marcel Hirscher wieder näher an den grossen Ski-Rivalen herangerückt ist, macht es besonders grossen Spass, vor dem Fernseher dem Sport-Nationalismus zu frönen.

Ich jedenfalls werde am Samstag pünktlich um 10.15 Uhr einschalten, wenn die Übertragung vom 1. Lauf des Riesenslaloms von Adelboden beginnt. Das Rennen am Chuenisbärgli mit dem extrem steilen Zielhang gilt als schwierigster Riesenslalom im Weltcup-Kalender. Nur ganz grosse Namen tauchen in der Siegerliste auf. Hirscher, Pinturault, Neureuther, Ligety, Svindal und Raich standen jüngst zuoberst auf dem Podest.

Schweizer dagegen gehörten am Chuenisbärgli in den vergangenen zwölf Jahren nie mehr zu den drei Schnellsten. Es ist die längste Schweizer Riesenslalom-Durststrecke in Adelboden. Dabei wäre dieser Ort, wo die Fahrer beim Einbiegen in den Zielhang von einem rot-weissen Fahnenmeer empfangen werden, prädestiniert für grosse Schweizer Skifeste.

Und gerade für die Bündner Skifans ist das Berner Oberland ein Sehnsuchtsort. Der letzte Schweizer, der am Chuenisbärgli als Sieger abschwang, war 2008 der Engadiner Marc Berthod. Unvergessen, wie die beiden damals 24-jährigen Ski-Zwillinge Berthod und Daniel Albrecht einen Doppelsieg feierten und eine vermeintlich goldene Schweizer Ski-Ära einläuteten. Gekommen ist es freilich anders. Berthod machten fortan Rückenprobleme zu schaffen, und der hochbegabte Albrecht stürzte ein Jahr später in Kitzbühel so schwer, dass er danach als Sportler keine nennenswerten Erfolge mehr feiern konnte.

Während die Bilder der jubelnden Berthod und Albrecht noch präsent sind, dürfte sich kaum jemand mehr an den ersten Sieger am Chuenisbärgli erinnern – auch er ein Bündner. Das Jahr 1958 wurde geschrieben, als Roger Staub vor dem Österreicher Hias Leitner gewann. Zwei Jahre später setzte Staub, der als Stürmer des EHC Arosa auch Schweizermeister im Eishockey wurde, seiner Karriere in Squaw Valley als Olympiasieger die Krone auf.

Und vielleicht schreibt ja am Samstag erneut ein Bündner am Chuenisbärgli ein Skimärchen. Der Domleschger Gino Caviezel ist als Neunter bestklassierter Schweizer im Riesenslalom-Ranking.

Tobias Kreis ist Sportredaktor bei «suedostschweiz.ch»

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