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Sportler-Kauderwelsch

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KEYSTONE
Roman
Michel

Im Blog «Anpfiff» berichten Journalistinnen und Journalisten jede zweite Woche aus der Südostschweiz-Sportredaktion.

Im Schwingen gibt es den Münger-Murx. Bei den Kunstturnern den Jurtschenko. Im Eiskunstlauf den Mohawk. Noch etwas komplizierter wirds beim Snowboarden. Schon mal von «Frontside Double Cork Lien 1080» oder «Backside 540 Mute» gehört? Klingt englisch. Ist englisch. Und wirkt doch irgendwie chinesisch.

Ja, Sportlersprache, schwere Sprache. So schwer, dass ab und an nicht einmal mehr die Direktbetroffenen genau zu wissen scheinen, worum es tatsächlich geht. «It’s tactical pressing. In a crazy game, it’s GO, RETURN, GO, GO, GO, GO, GO. It’s not a tactic. Perhaps it’s not right, the right run (...). Because pressing or gegenpressing is a possibility», hatte Bernard Challandes, der Schweizer Trainer der kosovarischen Fussball-Nationalmannschaft, vor dem EM-Qualifikationsspiel seines Teams gegen England Anfang September gesagt. Seine Schützlinge schienen – wen wunderts – nicht ganz begriffen zu haben. Auf jeden Fall mussten sie sich auf dem Rasen mit 3:5 geschlagen geben.

Dabei ist Fussball eigentlich noch ganz harmlos. Ein Elfmeter wird aus elf Metern ausgeführt. Ein Eckball eben von der Ecke. Einfach, oder? Und doch schwierig genug, dass es ein Wörterbuch «Deutsch – Fussball, Fussball – Deutsch» gibt. 128 Seiten hat das Exemplar von Langenscheidt. Haben Sie etwa gewusst, dass ein «Ballschani» ein Balljunge in Österreich ist? Dass das Ligasystem in Argentinien in Apertura und Clausura aufgeteilt ist? Oder dass das Zeitspiel auch Wassern heissen kann?

Apropos Wörterbuch: Die schwedische Sprach-Akademie hat vor sieben Jahren das Verb «zlatanieren» zusammen mit 40 anderen Begriffen neu in den schwedischen Duden aufgenommen. Angelehnt an Fussballstar Zlatan Ibrahimovic bedeutet es «stark dominieren». Andere Fussballernamen sucht man im Duden vergeblich. Eigentlich schade, gäbe es doch durchaus valable Kandidaten: Wie wäre es mit «neymaren» für «eine Schwalbe machen»? «Pepe» für ein «brutales Foul»? Und «robbern» für den Lauf von der Seitenlinie ins Zentrum – erfolgreicher Abschluss inklusive?

«Veryoungboysen», das Verspielen eines sicher scheinenden Vorsprungs, ist in den vergangenen Jahren hingegen aus dem Gebrauch verschwunden. Das «verschweizern» böte sich nach den Geschehnissen bei den Auftritten des Schweizer Nationalteams in diesem Jahr als Ersatz an.

Fertig Spielerei. Zurück in die Realität. Zurück in die Sprache des Sports. Eine Sprache, in der es manchmal ganz brutal zu und her gehen kann. Ein Fussballspiel kann schon mal zur Abwehrschlacht werden, es wird geschossen, ein Ziel ins Visier genommen. Ganz zu schweigen von Gerd Müller, dem einstigen «Bomber der Nation».

Und dann existieren da noch diese ganzen Anglizismen: Im Eishockey gibt es das Offside, es gibt Penalty, Shootout, Shutout (wieso muss das auch so ähnlich klingen?). Im Basketball nennt man einen Wurf, der weder Brett noch Korb berührt, Airball, der MVP (kurz für «Most valuable Player») wird mittlerweile in jeder Sportart und an jedem Turnier auserkoren. Und dann ist da eben noch der «Frontside Double Cork Lien 1080» bei den Snowboardern, ein Sprung mit dreifacher Drehung um die eigene Körperachse und einem Salto mit Griff ans Board. Das sieht in etwas so spektakulär aus, wie es klingt – ob nun auf Deutsch oder Englisch.

Roman Michel ist stellvertretender Leiter Sport.

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