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Bündner Regionalfussball: Beste Unterhaltung neben dem Rasen

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Johannes
Kaufmann

Im Blog «Anpfiff» berichten Journalistinnen und Journalisten jede zweite Woche aus der Südostschweiz-Sportredaktion.

Gerne nahm ich bei der Recherche über 100 Jahre FC Ems das Bonmot der ans Auswärtsspiel nach Davos radelnden Emser Pioniere auf. Der Legende nach weilten bei Anpfiff einige Nachzügler noch ausgepumpt auf dem Wolfgangpass, ehe sie später die Vialelf komplettierten. Dabei schoss mir spontan der FC Croatia durch den Kopf. Der junge, ambitionierte Fussballverein trat in den Neunzigerjahren unvollständig zum Saisonauftaktspiel der 3. Liga in Poschiavo an, erst während der ersten Halbzeit griffen zwei eiligst aufgetriebene und ins Puschlav nachgereiste Senioren ins Spielgeschehen ein. Sie verhinderten die deftige, zweistellige Pleite ebenso wenig, wie dies die nun immerhin personell vollständige Equipe in der zweiten Runde schaffte. Nach einem abermaligen Debakel in zweistelligem Ausmass zog der FC Croatia seine Mannschaft zurück. Wirklich überraschend kam dies nicht, bereits die Vorboten der neuen Spielzeit waren einigermassen beunruhigend ausgefallen. Auf die im analogen Zeitalter per Brief erfolgende Bitte, für die Saisonvorschau die Namen des Spielerkaders und der wichtigsten Funktionäre einzureichen, ergab sich eine erstaunliche Konstellation. Die Kaderliste wurde doppelt eingereicht, zunächst per Brief sowie tags darauf durch einen Besuch einer Croatia-Delegation in der Redaktionsstube. Das Ergebnis verblüffte: Es existierten zwei verschiedene Croatia-Trainer und auch zwei Vereinspräsidenten. Wer führte den FC Croatia? Immerhin stimmte das Gros des zu dünn besetzten Spielerkaders überein.

Dies ist nur eine von vielen Kuriositäten während meiner langjährigen Tätigkeit als Berichterstatter im Regionalfussball. Das Geschehen auf dem Rasen mag ab und an dürftig sein, die Unterhaltung abseits des Feldes passt zumeist. Beispielsweise vor der Spielzeit 2014/15. Nach dem Abstieg von Chur 97 aus der 1. Liga herrschten chaotische Zustände an der Ringstrasse. Bloss eine Handvoll Spieler hielt dem Verein die Treue, der Rest wurde konzeptlos aus Vereinen aus der Region oder aus den eigenen Reihen rekrutiert. Alle bemerkten das Himmelfahrtskommando – ausser dem neuen Trainer Michael Kopf. Er fabulierte bei seiner Präsentation von einem visionären Fussball, einer revolutionären Mischform von Ballbesitz- respektive Umschaltfussball. Die Ära Kopf endete nach neun Spielen und zwei Punkten.

Als Visionär gebärdete sich in den Neunzigerjahren beim FC Bonaduz auch Präsident Mark Wittmann, eine Art Christian Constantin der Fussballprovinz. Wittmann ermunterte seine Equipe, vermehrt wie die französische Nationalmannschaft aufzutreten. Und der Vordenker plante, im Dorfverein nicht weniger als das hochgelobte Ausbildungskonzept von Ajax Amsterdam einzuführen. Grosse Ziele beim kleinen FCB, die Wittmann jederzeit in einem grossen Interview in der Bündner Presse kundtun wollte. Wirklich nachhaltig waren seine Bemühungen nicht. Die Eingebungen des charismatischen Machers vom Sportplatz Tuleu, der den Verein zusammen mit Trainer Walter Fetz immerhin bis an die Spitze der 2. Liga manövrierte, waren aber stets druckreif. Auch nach der Ära Wittmann blieb Spektakel neben dem Feld in Bonaduz nicht aus: Der nach einem internen Zerwürfnis vor zwei Jahren vollzogene geschlossene Wechsel der ersten Mannschaft inklusive Trainer zu Orion Chur ist das bislang letzte Kapitel aus dem Kuriositätenkabinett des Bündner Fussballs.

Johannes Kaufmann ist Sportredaktor bei der Zeitung «Südostschweiz»

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