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Dehnen nicht vergessen!

Uhr
Jan
Zürcher

Im Blog «Anpfiff» berichten Journalistinnen und Journalisten jede zweite Woche aus der Südostschweiz-Sportredaktion.

Neulich sah ich sie wieder, gleich beim Wald. Wie sie dastehen, nein, wie sie sich fast schon räkeln. Ein Bein aufgestützt auf dem Zaun, das alte Holz knarrt unter ihren Gummisohlen. Ihre Hände greifen ehrgeizig Richtung ausgestreckte Füsse. Zielgerichtet, selbstbewusst, ja schon fast nonchalant. Dehnende Jogger – für mich Vorbildathleten. Ich bleibe bei diesem Anblick hängen, schalte einen Gang tiefer, trete kräftig in die Pedale meines Drahtesels der älteren Generation – und drehe am Rad der Zeit zurück. 

Klein Jan war ein begeisterter Hockeyaner. Klein Jan eiferte den grossen Hockeystars des HC Davos der frühen 2000er nach: Lonny Bohonos, Joe Marha oder Leitwolf Reto von Arx. Klein Jan durfte in der zweiten Hockeynachwuchsstufe, den Piccolos, sogar den Profis ganz nah sein – Training mit Marc Gianola, Kabinenbesuch von Beat Equilino. Klein Jan spielte viel Eishockey und klein Jan hielt nichts vom Dehnen. 

Heute – fast 20 Jahre später, bin ich nach wie vor ein begeisterter Sportler und glaube von mir sagen zu dürfen, dass ich die sportlichen Tugenden durchaus erfülle. Leidenschaft, Ausdauer und Zielstrebigkeit. Auch wenn heute weniger die Tore und Siege, sondern vielmehr Spass und Bewegung im Vordergrund stehen, habe ich das Feuer von klein Jan noch immer in mir – irgendwie. Und auch die Abneigung dem Dehnen gegenüber.   

Dehnen soll vor dem Sport das Verletzungsrisiko verringern, nach dem Sport die Erholung fördern. Aber von all dem wollte ich ja jahrelang nichts wissen. Immerhin streitet die Wissenschaft, wann, wo und welches Dehnen von Nutzen ist. Dehnen bereitet die Muskulatur auf die bevorstehende Belastung vor oder hilft danach, die Muskeln zu entspannen. Klingt logisch, macht Sinn, finden meine Adduktoren – aber eben nicht mein Kopf. 

Hüftsteif wirkte in der letzten Saison nicht nur die Verteidigung des HC Davos, sondern auch mein Gang. Meine steife Hüfte behindert mich weniger beim Plausch-Eishockey oder auf dem Unihockeyfeld, sondern vielmehr im Alltag. Und das ist ziemlich mühsam. Stellen Sie sich ein gemütliches Picknick am Rhein vor. Während meine Freunde am Ufer scheinbar bequem auf dem Boden sitzen, genüsslich ein Bier trinken und aus der Chipstüte essen, wippe ich hin und her, stets bemüht, die bestmögliche Sitzposition zu finden. Sitzen ohne Lehne? Fast unmöglich, es schmerzt bereits nach wenigen Minuten in den Beinen, in der Leiste, im Rücken – autsch. Schneidersitz? Keine Option. Lotussitz? Ein schlechter Scherz. So ähnelt das Sitzen eher einer Tortur und endet für mich nicht selten in lässig-anlehnenden Stehpositionen. Nun würde man denken, die Dramaturgie dieses Textes neige sich langsam dem «Grande Finale», der grossen Erkenntnis zu. Doch der Aha-Effekt entpuppt sich als – «So, Jan, jetzt üben wir Sitzen!» 

Meine Freundin hat mich tatsächlich überzeugen können, täglich während fünf Minuten Sitzübungen zu machen. «Ich muss Sitzen lernen», wie grotesk das klingt, dachte ich mir. Aber es sei die bittere Wahrheit, meint meine bessere Hälfte. Damit würde ich nicht nur Krämpfe lösen, sondern auch einen sportlichen Irrtum meiner Kindheit. Klingt logisch, macht Sinn, findet nun auch mein Kopf. 
Die Übungen stehen mir heute noch bevor. Und sie werden besonders hart, nach dem Unihockeytraining ohne Ein- und Ausdehnen. Ich steige vom Fahrrad. Es zieht in den Adduktoren. Ich verziehe das Gesicht und schliesse das Velo ab. 

Jan Zürcher ist Sportredaktor bei TV Südostschweiz

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