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«Schwingerkönig der Herzen»

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Armon Orlik gehört in Zug zu den meistgenannten Favoriten. KEYSTONE
René
Weber

Im Blog «Anpfiff» berichten Journalistinnen und Journalisten jede zweite Woche aus der Südostschweiz-Sportredaktion.

René Weber* über seine Favoriten am «Eidgenössischen» und die heile Welt des Schwingens.

Wer gewinnt am Sonntag in Zug beim «Eidgenössischen» den Schlussgang? Armon Orlik? Kilian Wenger? Samuel Giger? Pirmin Reichmuth? Joel Wicki? Christian Stucki? Landauf, landab wird spekuliert. Die Meinungen gehen auseinander. Selten zuvor hat ein Sportanlass in unserem Land mehr beschäftigt und polarisiert. Warum eigentlich? Was fasziniert Gross und Klein, Jung und Alt? Ist es die Kraft und Technik, die Athletik und die Dynamik in den Zweikämpfen? Oder ist es die Fairness und die Kameradschaft im Sägemehlring? Abschliessend beantworten kann diese Fragen niemand. Vielleicht ist es einfach die Eigenheit, die verbindet. Die Atmosphäre, das Brauchtum, die Swissness, das Bodenständige. All das gehört zum Nationalsport. 

Die heile Welt, in der sich die Schwingerkreise sehen, gibt es nicht. Wo viel Geld wie im Hosenlupf im Spiel ist, da gibt es auch Missgunst. Mehr ungeschriebene Gesetze als im Schwingsport gibt es nirgends. Das ermöglicht es, dass geschummelt und gemogelt wird. Mauscheleien sind Tagesordnung. Es wird auch geflucht und geflunkert. Nur gesprochen wird darüber nicht. Gehässigkeiten und Skandale sollen nicht öffentlich werden. Beispiele, dass es sie gibt, gibt es genügend. 

Als Journalist ist es ein Muss, den Bösen und ihrem Umfeld auf die Finger zu schauen. Freunde schafft man sich damit selten. Schnell ist man sonst ein Nestbeschmutzer. Die Schwingerfamilie tut sich halt mit kritischen Medien traditionell schwer. Ein schöner Bericht über den Festsieger oder eine wohlwollende Vorschau dürfen es sein. Mehr nicht. Nicht einmal über Geld und Preise soll gesprochen werden. Dass die besten Schwinger des Landes einer geregelten Arbeit im Vollpensum nachgehen, wie das vielerorts behauptet wird, ist eine Mär. Fussballer werden in Schwingerkreisen schnell und gerne als «Mimösli» bezeichnet. Genau das sind auch viele Böse. Werden ihre Leistungen hinterfragt, lernt man sie von ihrer weniger angenehmen Seite kennen. Dann ist nichts mehr mit Harmonie und Frohnatur. 

Als Journalist kennt man seine Pappenheimer. Man weiss, wer Champion und wer Warmduscher ist. Am Wochenende treten sie in Zug gegeneinander an. Die, die um den Festsieg ein Wort mitreden werden und im Mittelpunkt stehen. Das sind die, die hart trainieren und keine Einheit verschieben, nur weil die Freundin ins Kino gehen möchte. Und die anderen. Die «Pläuschler», die am Samstagabend ihre Siebensachen zusammenpacken müssen und danach in ihrer Verbandsjacke über das Festgelände stolzieren. 

Armon Orlik, Samuel Giger, Pirmin Reichmuth, Joel Wicki und Christian Stucki – einer wird am Sonntag Schwingerkönig sein. Vielleicht setzt sich auch ein anderer Athlet durch. Ein Dutzend Kandidaten sind es. Mindestens. Titelverteidiger Matthias Glarner inklusive. Natürlich habe auch ich meine persönlichen Favoriten. Auf die Startnummer 117, er ist wie Glarner ein Berner, habe ich nicht nur mehrfach gesetzt, weil seine Wettquoten als Aussenseiter gut sind. Ich schätze ihn vielmehr auch als Menschen.

Gleiches gilt für 203. Er wäre, schaut man auf seine Resultate in dieser Saison, der logische Sieger. Wenn ich ihn am Montag in Maienfeld interviewen und danach an seiner Feier teilnehmen darf, dann werde ich das gern tun. Dies, weil er ein Sportler ist, der für den Erfolg alles tut und gibt. Egal, ob er sich in Zug seinen Traum erfüllen kann, er ist für mich so oder so ein Champion. Die Zusammenarbeit mit ihm und mit seinem Umfeld ist zwar nicht immer einfach, dafür ehrlich, offen und konstruktiv. Vor drei Jahren schrieb ich nach dem «Eidgenössischen» in Estavayer in dieser Zeitung vom «König der Herzen». Am Montag wird daraus möglicherweise die Schlagzeile «Schwingerkönig der Herzen».

René Weber ist Leiter Sport

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