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Langweilige Eishockey-WM? Von wegen

Uhr
Tobias
Kreis

Im Blog «Anpfiff» berichten Journalistinnen und Journalisten jede zweite Woche aus der Südostschweiz-Sportredaktion.

Am Freitag beginnt in Bratislava die diesjährige Eishockey-Weltmeisterschaft. In der slowakischen Hauptstadt ringen die 16 stärksten Nationen um internationale Meriten. Das Schweizer Nationalteam, das vergangenes Jahr in Dänemark sensationell die Silbermedaille gewann, greift am Samstag ins Turniergeschehen ein.

Im Gegensatz zu Grossereignissen wie der Fussball-WM oder Olympischen Spielen finden die Eishockey-Titelkämpfe im jährlichen Turnus statt. Erfüllt ein Team die Erwartungen nicht, muss es nicht vier Jahre auf die nächste Chance warten. Rund 350 Tage nach dem schmachvollen Ausscheiden kommt bereits die Zeit der Revanche. Dabei wissen Sportfans haargenau: Je rarer die Gelegenheit, desto bedeutender der Sieg. Dass in der NHL, der besten Eishockey-Liga der Welt, die Playoffs während der WM noch in vollem Gang sind, führt zu einer zusätzlichen Abwertung des Turniers.

Zugegebenermassen mag die Eishockey-WM, gerade im nordamerikanischen Rezeptionsraum, nicht mehr als eine Randerscheinung sein. Für uns Europäer ist sie trotzdem ein Spektakel. Zu besten mitteleuropäischen Sendezeiten tanzen einige der weltbesten Spieler über die Bildschirme. Schauen wir auf die Russen: Owetschkin, Malkin, Kowaltschuk, Kutscherow – allesamt Superstars, allesamt ab morgen im frei empfangbaren TV zu sehen. Viel wichtiger jedoch: Das Schweizer Team verfügt wie im Vorjahr über das Potenzial, die Fans in Ekstase zu versetzen. Bereits bei den Vorbereitungsspielen, in der Peripherie des Landes, etwa in Siders und in Weinfelden, waren die Stadien voll. Das Nationalteam ist so sexy wie vielleicht noch nie. Viel hat mit der Anwesenheit von Nico Hischier zu tun. Erstmals steht der talentierteste Schweizer Eishockeyspieler dem A-Team an einem Turnier zur Verfügung. 

Doch bereits vergangenes Jahr, damals noch ohne Hischier, vermochte das Nationalteam die Schweizer Sportfans in ihren Bann zu ziehen. Wie die beiden Churer Enzo Corvi und Nino Niederreiter die gegnerischen Reihen durcheinanderwirbelten, fand landesweit Anerkennung. Durchschnittlich knapp 1,1 Millionen Zuschauer verfolgten den WM-Final zwischen der Schweiz und Schweden auf SRF 2. Nur die Spiele der Fussball-Nationalmannschaft an der WM in Russland waren höher im Kurs. 

Dass eine WM-Medaille nicht gleich viel Wert wie eine Olympia-Medaille hat, kann uns egal sein. Schliesslich geht es ja auch um die Unterhaltung – diesem Anspruch wird das Team von Trainer Patrick Fischer gerecht. Und: Wer als Spieler die WM, die Olympischen Spiele und den Stanley Cup gewonnen hat, gehört einem elitären Kreis an; dem «Triple Gold Club». Ganz bedeutungslos ist die WM also auch für Eishockey-Grossmächte wie Kanada oder Russland nicht.

Auch ist es so, dass Eishockey-Endrunden nachhaltig organisiert werden können. Von Mega-Anlässen wie Fussball-WM und vor allem Olympischen Spielen bleiben regelmässig verwaiste Stadien, verschandelte Landschaften oder ganze Geisterstädte zurück. Wer für die Abkehr vom Gigantismus bei Sport-Grossveranstaltungen plädiert, wird sich an der Eishockey-WM nicht stossen. Freuen wir uns also auf zwei Wochen Eishockey auf Top-Niveau. Und freuen wir uns bereits jetzt ein wenig auf die WM im kommenden Jahr, die nach elf Jahren erstmals wieder in der Schweiz ausgetragen wird.

Tobias Kreis ist Online-Sportredaktor. 

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