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Wer rasiert, verliert

Uhr
Roman
Michel

Im Blog «Anpfiff» berichten Journalistinnen und Journalisten jede zweite Woche aus der Südostschweiz-Sportredaktion.

Wer rasiert wen? – Die Frage erhält während der Eishockey-Playoffs eine wortwörtliche Dimension. Playoff-Zeit, das ist auch Bart-Zeit. Wer trägt den schönsten? Den längsten? Den furchteinflössendsten? Die Spieler (und manchmal auch die Betreuer) rasieren sich ab dem Start in die Playoffs bis zum Tag des Ausscheidens (oder im besten Fall der Meisterfeier) nicht mehr. So will es die Tradition. 

Doch woher stammt dieser – zugegeben für Sportler nicht gerade praktische – Brauch? Um den Ursprung ranken sich die Geschichten. Derek Sanderson, Stürmer beim NHL-Klub Boston Bruins in den 70er-Jahren, beansprucht ihn für sich. So schrieb er es jedenfalls in seiner Autobiografie «Crossing the Line». Wie er auf die Idee kam, bleibt hingegen offen. Klar ist, dass er mit seiner wuchernden Gesichtsbehaarung geradezu ein Revolutionär war. Nicht selten herrschte bei den NHL-Klubs damals ein striktes Schnauz- und Bartverbot (es war teilweise gar in den Spielerverträgen festgeschrieben), wurde Haarwuchs doch der Hippie-Bewegung und damit einer «weichen Einstellung» zugeordnet. Das pure Gegenteil zum Eishockey, dem Spiel der harten Männer. 
Eine andere Theorie stammt aus den 80er-Jahren. Nach zwei Heimsiegen zum Start der Playoffs entschieden die beiden Schweden Stefan Persson und Anders Kallur in Diensten der New York Islanders, ihre Bärte spriessen zu lassen. Und siehe da: Ende Saison gewannen die Islanders erstmals in ihrer Klub-Geschichte den Stanley-Cup. Ein Triumph, den sie auch in den drei Folgejahren wiederholten. Doch auch hier bleibt die Idee hinter der Aktion unklar. Vielleicht liessen sich die Schweden ja von einem Landsmann inspirieren. Tennis-Star Björn Borg trat jahrelang rasiert zum Grand-Slam-Turnier in Wimbledon an und liess sich im Turnierverlauf dann einen Bart wachsen. Mit Erfolg: Zwischen 1976 und 1980 triumphierte er auf dem «heiligen Rasen» fünf Mal in Folge. 

Sei es in den USA, in Deutschland, in Russland oder in der Schweiz – die Bärte spriessen auch dieses Jahr. Wo sie denn können: Bei SCB-Verteidiger Calle Andersson etwa lassen sich die Stoppeln nur erahnen. Gleiches gilt für Zugs Livio Stadler – wobei mit 21 Jahren auch noch keine «Mähne» zu erwarten ist. Doch wer hat(te) ihn nun, den schönsten Playoff-Bart der National League? Wer besitzt den MVB, den Most valuable Beard? (Warum existiert diese Auszeichnung eigentlich nicht?) In Bern gibt es einige Kandidaten: Der unverwüstliche Thomas Rüfenacht etwa. Oder Simon Moser, der als Captain auch in Sachen Bartwuchs vorbildlich vorangeht. Bei Zug kann die Wahl fast nur auf Dominik Schlumpf fallen. Und in Biel kämpfen Mathieu Tschantre und Robbie Earl um die klubinterne Vormachtstellung. Im Vergleich mit Lausannes Verteidiger Jonas Junland sind das aber nicht einmal Drei-Tage-Bärte. Wie viel Zeit seine Mähne braucht, um nach dem Duschen zu trocknen? Lange. Oder eine geduldige Föhntherapie. 

Bleibt noch die Frage, ob denn der Bart auch wirklich etwas nützt. Die Spieler jedenfalls sind felsenfest davon überzeugt, dass nur der Meister wird, der sich nicht rasiert. Und weil dieser Glaube bei allen Teams gleich ist, stimmt es sogar: Meister wird auch dieses Jahr die Mannschaft, deren Spieler einen Playoff-Bart tragen. Beim Barte des Propheten! 

Roman Michel ist stellvertretender Leiter des Ressorts Sport.

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