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Das Märchen vom sauberen Sport

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Gian Andrea
Accola

Im Blog «Anpfiff» berichten Journalistinnen und Journalisten jede zweite Woche aus der Südostschweiz-Sportredaktion.

Was treibt junge und talentierte Athleten in den Dopingstrudel? Diese Frage hat ARD-Journalist Hajo Seppelt beschäftigt, als er sich der Geschichte des österreichischen Langläufers Johannes Dürr annahm. Dieser war kurz vor den Olympischen Winterspielen 2014 in Sochi mit Erythropoetin – kurz: Epo – erwischt worden. Dürr willigte im vergangenen Jahr ein, zumindest teilweise über seine Dopingvergangenheit auszupacken. Womöglich hat seine Zivilcourage dazu geführt, dass an der kürzlich zu Ende gegangenen nordischen Ski-WM in Seefeld ein Doping-Netzwerk zerschlagen werden konnte, das mindestens 21 Athleten aus acht Nationen und fünf Sportarten umfasste.

Dürr, dessen aussergewöhnliches Talent früh aufgefallen war, durfte seine schulische Ausbildung am renommierten «Schigymnasium» in Stams im Tirol absolvieren. Das Gymnasium gilt als die Talentschmiede des österreichischen Wintersports für Jugendliche zwischen 14 und 20 Jahren. Dürr berichtet, dort erstmals auf Anraten seiner Trainer leistungsfördernde Nahrungsergänzungsmittel zu sich genommen zu haben. Ein Alpin-Trainer habe gar die Bestellungen aufgenommen und die Schüler so mit Präparaten versorgt. Vitamintablettchen hier, Kreatinpülverchen dort. Alle hätten es genommen, sich gar gegenseitig beraten und experimentiert, so Dürr.

berraschend (und rechtlich falsch) ist das nicht, fragwürdig aber schon. Wie soll der Leistungssport je wirklich sauber werden, wenn die Einnahme von hochdosierten nahrungsergänzenden Stoffen bereits in einem Alter normal ist, das für die Persönlichkeitsentwicklung so entscheidend ist? Der Schritt zum echten Doping ist – zugegeben – noch ein weiterer. Aber wie gross ist die psychologische Barriere danach wirklich noch? Besonders, wenn Doping allgegenwärtig ist – gerade im Ausdauersport. Dass aufkommende Talente immer wieder zu Doping greifen, hängt genau damit zusammen. Es ist ein Teufelskreis. Wer nicht auch dopt, kommt nicht bis ganz an die Spitze. Nur dort lässt sich aber viel Geld mit dem Sport verdienen, dank Preisgeldern und lukrativen Sponsorings. Was also ist die Alternative? Meistens gibt es keine, denn ein Leben, das seit frühester Kindheit auf den Spitzensport ausgerichtet ist, lässt kaum Alternativen zu. 

Sportler, die ihre Aktivkarriere beenden, fallen nicht selten in eine Identitätskrise. Was, wenn diese Krise aber schon droht, lange bevor man überhaupt etwas erreicht hat – noch dazu in einem Alter, in dem sich die eigenen Wertvorstellungen von richtig und falsch gerade erst entwickeln? Da gerät man schnell in Versuchung, etwas nachzuhelfen. Nicht (nur) um des Siegens willen, sondern weil der Erfolg der einzige Weg zu sein scheint. 

Was Sicherheit schaffen würde, wäre ein zweites Standbein. Doch flexible Ausbildungsmodelle, die es jungen Talenten ermöglichen, sowohl ihre sportlichen Ziele zu verfolgen als auch eine solide Berufs- oder Grundausbildung zu machen, fehlen oft. Und hier ist die Gesellschaft, sind wir alle gefordert. Zum einen gehören den Jugendlichen von ihren Bezugspersonen keine fahlen Floskeln vermittelt, die nur darauf abzielen, den Schein des sauberen Sports zu wahren. Sondern Werte, die den Charakter dieser jungen Menschen formen. Und zum anderen brauchen die Jugendlichen eine zweite Perspektive, falls es auf dem ehrlichen Weg doch nicht bis an die Spitze reicht. Solange der sportliche Erfolg aber die einzige echte Chance dieser talentierten Jugendlichen ist, können wir unseren Kindern abends vor dem Einschlafen wohl noch lange das Märchen vom sauberen Sport erzählen.

Gian Andrea Accola ist Sportredaktor bei Radio Südostschweiz.

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