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Erinnerungen an den Grössten

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Muhammad Ali im Jahr 1966. WIKIMEDIA COMMONS
Johannes
Kaufmann

Im Blog «Anpfiff» berichten Journalistinnen und Journalisten jede zweite Woche aus der Südostschweiz-Sportredaktion.

Meine erste Begegnung mit dem Grössten war ein Reinfall. Damals ums Jahr 1980 waren die sportlichen Interessen klar definiert. Es gab den alpinen Skisport mit Erika Hess und der Reizfigur Peter Müller. Da war die primär aus Grobmotorikern wie Andy Egli bestehende Fussball-Nationalmannschaft um ihren kauzigen Trainer Paul «Wolf» Wolfisberg. Sie stand für «ehrenvolle» Niederlagen sowie für vergeigte Partien der «allerletzten Chance». Regelmässig wurde die Qualifikation für ein grosses Turnier verpasst. Vor allem jedoch grassierte das Eishockey-Fieber im Kanton. Die Anhänger des EHC Arosa und des HC Davos bekämpften sich leidenschaftlich – auch an meiner Schule in Schiers. Letztmals fand das Bündner Derby an der nationalen Spitze statt. Doch plötzlich war alles anders. Plötzlich wurde nur noch über einen gesprochen: Muhammad Ali. Ali wer? Nie zuvor hatte ich von diesem Boxer aus dem fernen Amerika gehört. Und wie erwähnt, Boxen war nun wahrlich nicht das Thema. Ein müder Herausforderer Ali war dann gegen Champion Larry Holmes absolut chancenlos. Dem war dies fast peinlich. Holmes entschuldigte sich für die fürchterlichen Prügel bei seinem Idol. Er hatte doch bloss seinen Job erfüllt.

Ali stellte sie alle in den Schatten – selbst in der Niederlage. Später rührte er die Öffentlichkeit bis zu seinem Tod 2016 mit seinem tapfer und vor allen Augen ertragenen Kampf gegen die Parkinson-Krankheit. Diese war mutmasslich die Folge des immer wieder verschobenen Abschieds des Grössten aus dem Boxring. Bereits 1975, nach dem dritten, epischen Duell mit Joe Frazier, dem wohl besten Schwergewichtskampf aller Zeiten, waren Alis Leibarzt Ferdie Pacheco erste Symptome der Erkrankung nicht entgangen. Er riet dringend zum Rücktritt. Doch die Show musste weitergehen. Pacheco trat aus Protest zurück. Später vertrat er die Meinung, dass alle Beteiligten an Alis letzten Kämpfen hinter Schloss und Riegel gehören. Der Ali-Box-Zirkus zog weiter – bis zur finalen Pleite gegen den B-Klasseboxer Trevor Berbick 1981, dem «Drama auf Bahama».

Alis Gesicht war im vergangenen Jahrhundert global präsent wie kein anderes. Einen Weltstar dieser Kragenweite wird es keinen mehr geben. Seine Bedeutung fürs Boxen war riesig – noch grösser war seine Wirkung neben dem Ring. Er sprach wie ein Wasserfall, interpretierte den Boxsport als Teil der Unterhaltungsindustrie. Und er bewies 1967 Haltung, als er sich weigerte, in den Vietnam-Krieg zu ziehen. Er habe nichts gegen den Vietkong und sei es leid, als verachteter Sklave für seine Nation zu kämpfen. Kein Zweifel: Niemals wäre der Boxchampion an der Front eingesetzt worden. Showkämpfe als Unterhaltungsprogramm für die Truppe waren hinter den Kulissen eingefädelt. Er wurde zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, später begnadigt. Boxlizenz und WM-Krone waren jedoch weg. Ali verlor im Alter von 25 Jahren drei Jahre im Ring. Es wäre seine Glanzzeit gewesen. Als er 1970 zurückkehrte, war sein berühmt-berüchtigtes Tempo im Ring Geschichte.

Es soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, dass auch Muhammad Ali sich durchaus verrannte. Sein schwarzer Rassismus war zuweilen befremdlich. Die Mitgliedschaft zum zwielichtigen «Nations of Islam» irritierte. Es blieb nicht mehr als eine Randnotiz. Sein Charisma überstrahlte auch dies. Ach, wie gerne hätte ich Alis grosse Fights in der europäischen Nacht verfolgt.

Johannes Kaufmann ist Sportredaktor