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Den Sport als Beruf nicht verkennen

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Tobias
Kreis

Im Blog «Anpfiff» berichten Journalistinnen und Journalisten jede zweite Woche aus der Südostschweiz-Sportredaktion.

Am Sonntag werden in den USA die beiden besten American-Football-Teams des Landes den Meistertitel ausspielen. Der Super Bowl ist ein globales Phänomen. Er ist nicht mehr und nicht weniger als das grösste TV-Ereignis des Jahres. In den Top 10 der TV-Übertragungen mit den meisten Zuschauern aller Zeiten in den USA finden sich neun Super-Bowl-Spiele. Weltweit werden 800 Millionen Zuschauer am Fernsehen miterleben, ob die New England Patriots oder die LA Rams am Ende die Vince Lombardi Trophy in die Höhe stemmen dürfen.

Rund um den Super Bowl wird mir jeweils bewusst, welch gigantischer Stellenwert der Sport in der amerikanischen Gesellschaft geniesst. Leistungssport wird im Schulsystem der Amerikaner von früh an gefördert. Die besten Sportlerinnen und Sportler an den Schulen definieren sich nicht über die Noten, sondern über die Erfolge im Sport. Während im Schweizer Bildungssystem eine Leistungskultur fast ausschliesslich in Disziplinen etabliert ist, in denen kognitive Fähigkeiten gefragt sind, greifen die Förder-Mühlen im Sportbereich nur sehr mühsam.

Die Schweiz ist ein kleines Land und trotzdem in vielen Sportarten aussergewöhnlich erfolgreich. Das liegt aber – und das ist vielleicht nur eine kühne Behauptung – vor allem am Know-how, das die Schweiz als Land der Wissenschaften für sich zu nutzen weiss. Prozesse der Talenterkennung und Förderungen laufen auf hohem Niveau ab. Wer als junger Fussballer in einem Förderprogramm des Schweizerischen Fussballverbands auf- genommen wird, hat die Gewissheit, dass er nicht nur das Potenzial zum Profi besitzt, sondern dieses bei gutem Verlauf auch ausschöpfen kann.

Es erstaunt deshalb, dass Spitzensport von unserer Gesellschaft stigmatisiert wird. Wer den Sport zu seinem Beruf machen will, sieht sich mit zwei Fragen konfrontiert. Was passiert, wenn es nicht klappt? Und was mache ich, wenn die Karriere vorbei ist? Die daraus abgeleitete, zugespitzte Erkenntnis lautet: Sport ist kein richtiger Beruf. In einem Sportmagazin ist ein Beitrag einer ehemaligen Profi-Snowboarderin aus Graubünden zu lesen. Sie nahm an Olympischen Spielen teil, gewann eine WM-Silbermedaille und begann nach der Karriere ein Universitätsstudium. In ihrem Beitrag zeichnete sie dann von sich das Bild einer «ziellos durch ihre Zwanziger schlendernden Studentin». Sie fühlte sich nach dem Karriereende nutzlos. Diesen Gedankengang, den die Snowboarderin zum Glück schnell verwarf, hätte sie sich gar nicht erst machen müssen. Denn sie erkannte, dass sie bereits als junge Erwachsene Dinge gelernt hatte, die ihr auch in einer zweiten Karriere zugutekommen. Zielorientierung, Durchhaltewillen, akribisches Arbeiten. Die Aufzählung liesse sich verlängern. Und wenn es erst gar nicht geklappt hätte mit einer Spitzensportkarriere? Dann wäre sie bei der Berufsfindung vielleicht einige Jahre im Rückstand gewesen. Ihr wären dank unserem dualen Bildungssystem weiterhin alle Wege offen gestanden. Ganz gleich, wie weit sie in ihrer schulischen Ausbildung zu diesem Zeitpunkt gewesen wäre. Sie hätte aber die Gewissheit gehabt, es versucht zu haben.

Das in der Schweiz gelebte Selbstverständnis, den Spitzensport – bevor man tatsächlich davon leben kann – nicht als vollwertige Ausbildung anzusehen, ist zu akzeptieren. Würden wir uns davon lösen, könnten wir Sportjournalisten wohl noch viel häufiger über Schweizer Erfolge berichten. Wir sollten beginnen, im Denken über Sport als Beruf eine etwas «amerikanischere» Mentalität anzunehmen.

Tobias Kreis ist Sportredaktor bei «suedostschweiz.ch».

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