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Die etwas andere, längere Anreise

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Jürg
Sigel

Im Blog «Anpfiff» berichten Journalistinnen und Journalisten jede zweite Woche aus der Südostschweiz-Sportredaktion.

Jürg Sigel* über die Besonderheiten der Lauberhornrennen in Wengen.

Sportveranstaltungen erreicht man in der Regel relativ bequem – ob mit dem Auto oder einem öffentlichen Verkehrsmittel. Das wünschen wir uns schliesslich auch. Wir wollen möglichst schnell an den Ort des Geschehens gelangen. Möglichst ohne Umwege dort ankommen. Am besten ist es, wenn wir den eigenen Wagen gleich unmittelbar vor der Wettkampfstätte parkieren können. Besteht diese Möglichkeit nicht, überlegt sich mancher, ob er sich den Event wirklich vor Ort anschauen will. Doch, doch, so denken viele. 

Es gibt allerdings Ausnahmen – Sportanlässe, denen sich der Fan einfach nicht entziehen kann, egal wie lang und beschwerlich die Anreise ist. Der alpine Skiweltcup in Wengen ist so ein Beispiel, wobei die Fahrt dorthin vorerst durchaus angenehm ist – bis Lauterbrunnen. Dort muss das Auto nämlich abgestellt werden. Das Bahnhofparking ist schon im Vorfeld der Renntage ausgebucht, also wird man auf einen gebührenpflichtigen Parkplatz ausserhalb des Dorfes gelotst. Immerhin: Shuttlebusse bringen dich dann bequem an den idyllisch gelegenen, jedoch schattigen und deshalb meist kalten Bahnhof. Teil 1 der Reise ist geschafft. Doch von nun an ist Geduld gefragt. 

Nach Wengen geht es steil und auf Zahnschienen mit der Wengernalpbahn weiter. Noch vor wenigen Jahren war das Bähnli, wie es von den Einheimischen liebevoll genannt wird, ein altes, ratterndes, schüttelndes Vehikel. Inzwischen wurde es modernisiert. Die Wartezeiten in Lauterbrunnen zwischen 6 und 10 Uhr sind deswegen aber nicht kürzer geworden. Rund eineinhalb Stunden sind es etwa am Tag der Lauberhornabfahrt. Müde, gähnende Leute bekommt man dabei trotz der frühen Morgenstunden selten zu sehen. Im Gegenteil. Vor dir, hinter dir und neben dir fliesst das Bier bereits in Strömen. Erste Schlachtgesänge werden angestimmt. Einmal bot mir ein Walliser Schnaps an. Ich lehnte dankend ab. Ich freute mich auf den ersten Kaffee in Wengen.

Diesen Ort erreicht man dann irgendwann nach einer etwa 25 Minuten dauernden Bähnli-Fahrt – wenn man Glück hat sitzend, wenn man weniger Glück hat eingepfercht stehend. Doch angekommen ist man dann immer noch nicht ganz. Sozusagen als Dessert steht der halbstündige Fussmarsch ins Zielgelände bevor. Der kann bei schlechten Witterungsbedingen anstrengend sein. Bei schönem Wetter entschädigt indes ein wunderbares Panorama für die Strapazen, über die sich niemand beklagt. 

Wieso sollte dies auch jemand tun? Wer an die Lauberhornrennen reist, tut dies freiwillig, und das sind Jahr für Jahr Zehntausende von Ski-Fans. Sie würden darauf selbst dann nicht verzichten, wenn die Wartezeiten in Lauterbrunnen und der Weg in die Zielarena doppelt so lang wären. Denn am Fuss von Eiger, Mönch und Jungfrau dabei zu sein, ist einzigartig, faszinierend, in Worten irgendwie nicht zu beschreiben.

Ich gehöre zu diesen Menschen, welche die Lauberhornrennen lieben, obwohl mir zugegeben eine Fahrt bis direkt an die Wettkampfarenen grundsätzlich lieber ist. Für die Rennen in Wengen mache ich aber eine Ausnahme. Ich nehme den Aufwand – nicht unerwähnt bleiben darf, dass die Rückreise ebenso lange dauert – in Kauf. Auch an diesem Wochenende, zum x-ten und bestimmt nicht zum letzten Mal.

*Jürg Sigel ist Sportredaktor bei der Zeitung «Südostschweiz». 

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