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Die zwei Seiten der Moral

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Véronique
Ruppenthal

Im Blog «Anpfiff» berichten Journalistinnen und Journalisten jede zweite Woche aus der Südostschweiz-Sportredaktion.

«Der HCD hat am Sonntagnachmittag sehr viel Moral bewiesen», ist auf der Homepage des Bündner Traditionsklubs nach dem in letzter Sekunde gewonnenen Meisterschaftsspiel gegen den HC Ambri-Piotta zu lesen. Neotrainer Harijs Witolinsch habe nach dem 3:2 die grossartige Moral seiner Schützlinge gelobt. Moral – ein Wort, das gerade in der Domäne des Mannschaftssports gerne in den Mund genommen wird: «Wir müssen Moral zeigen», «Das tut der Moral gut» oder «Die Mannschaft hat nach dem frühen Rückstand Moral bewiesen» sind nur einige der Floskeln, die den Zuhörenden in (meist sehr) hochstehenden und emotionalen Sportler-Interviews öfters zu Ohren kommen.

Zugegeben, ich – vielmehr mit den Ausdrucksweisen in Einzelsportarten vertraut – habe lange nicht verstanden, was diese «moralischen Floskeln» überhaupt bedeuten. Vom Philosophie-Unterricht im Gymnasium hängen geblieben ist, dass Moral etwas mit Normen und Ethik zu tun hat und dass es darum geht, was richtiges, also moralisch gutes Handeln ist. Doch was hat Moral in diesem Sinne mit Sport zu tun? Wissen diese Spielerinnen und Spieler denn überhaupt selbst, was sie da sagen?

Aufschluss gibt zumindest teilweise ein Blick in den Duden: Moral geht auf das lateinische Wort «moralis» zurück und heisst so viel wie «die Sitte betreffend». Primäre Bedeutung von Moral ist die «Gesamtheit von ethisch-sittlichen Normen, Grundsätzen, Werten, die das zwischenmenschliche Verhalten einer Gesellschaft regulieren, die von ihr als verbindlich akzeptiert werden». Klar so weit. Ich lese weiter und lerne, dass mit Moral auch etwas anderes gemeint werden kann: Als weitere Bedeutung aufgeführt ist nämlich die «Bereitschaft, sich einzusetzen; Disziplin, Zucht; gefestigte innere Haltung, Selbstvertrauen».

Es ist zu hoffen, dass sich die Eishockeyspieler, Fussballer und Unihockeyaner sowie deren weiblichen Pendants in ihren Interviews nach den Spielen auf letztere Bedeutung beziehen. Dass «Wir haben Moral gezeigt» also so viel heisst wie: Wir haben uns eingesetzt, gekämpft, alles gegeben. Denn ein Blick auf das Eis, den Rasen und die anderen Spielfelder zeigt – insbesondere auf der grössten Bühne des Sports, der Fussball-WM, aber genauso auch im Juniorenbereich – immer wieder Erschreckendes: Gegner und Schiedsrichter müssen sich leider allzu oft Beleidigungen anhören, es wird gemeckert, sich gegenseitig mit Worten oder Gesten provoziert, grobe Foulspiele oder Schwalben werden begangen oder verdeckte Ellbogenschläge ausgeteilt. Dieser respektlose Umgang mit Gegnern, Schiedsrichtern, Fans oder gar eigenen Mitspielern entspricht, so finde ich, rein gar nicht den ethisch-sittlichen Normen und Grundsätzen in unserer aufgeklärten und toleranten Welt. 

Aus diesem Grund werden diese Sportlerinnen und Sportler wohl hoffentlich nicht die primäre Moral-Bedeutung meinen, wenn sie von der «gezeigten Moral» sprechen. Trotzdem – oder gerade darum – hoffe ich, dass sie in ihren Interviews nach den Spielen künftig vermehrt auch darauf verweisen können. Dass sie mit der stolz verkündeten «bewiesenen Moral» nicht nur ihren soeben gezeigten sportlichen Kampfgeist, sondern vor allem auch ihr vorbildliches zwischenmenschliches Verhalten meinen. Wenn sie dieses philosophische, gehaltvolle Wort schon so nachdrücklich und regelmässig von sich geben, sollen sie auch dessen vollen Bedeutungsumfang meinen – und leben.

Véronique Ruppenthal ist Sportredaktorin bei TV Südostschweiz.