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Wenn Sportler plötzlich singen

Uhr
René
Weber

Im Blog «Anpfiff» berichten Journalistinnen und Journalisten jede zweite Woche aus der Südostschweiz-Sportredaktion.

In diesen Tagen liegen in vielen Wohnzimmern Päckchen unter dem Tannenbaum. Und es werden vielerorts die Stimmbänder einem Leistungstest unterzogen. Einige Mitbürger bestehen ihn. Andere scheitern knapp oder kläglich. Und nochmals andere verzichten freiwillig darauf. Wer sich den Dauerbrennern «O du Fröhliche», «O Tannenbaum» und «Stille Nacht, Heilige Nacht» verweigert, der hat ausser einigen bösen Blicken von den Eltern oder des Partners nicht viel zu befürchten. Selbst der Pfarrer in der Kirche lässt die Nicht-Sänger gewähren und ungestraft auf den harten Bänken sitzen.

Wesentlich mehr und heftige Reaktionen löst die gesangliche Verweigerung im Sport aus, insbesondere im Fussball. Das Singen der Nationalhymne vor Länderspielen ist in manchen Ländern ein ehrwürdiges Ritual. Auf die Schweiz trifft das nicht zu. Fussball hat zwar auch hier eine grosse Bedeutung, das «Trittst im Morgenrot daher» hört man aber kaum. Die Multikulti-Secondos-Truppe gerät darum nach jedem Länderspiel in die Kritik. Nicht erst seit Vladimir Petkovic das Kommando übernommen hat, wird das Nicht-(Mit-)Singen von Xherdan Shaqiri und Admir Mehmedi bemängelt. Bereits zu Zeiten von Nationalcoach Köbi Kuhn gab es Nicht-Singer. Dass aktuell mit Yann Sommer und Fabian Schär immerhin zwei fussballerische Sängerknaben regelmässig in der Startaufstellung stehen, kann die vom Boulevard laufend angeschobenen Diskussionen nicht stoppen. Haris Seferovic und Kevin Mbabu zum Singen des Schweizerpsalms zu bringen, scheint eine unlösbare Aufgabe. Vladimir Petkovic wird sie nicht lösen können. Der Super-Nationalmannschafts-Chef, der auf die Enttäuschung über das WM-Achtelfinal-Aus in Russland installiert werden soll, ebenfalls nicht. Oder doch?

Seit gestern gibt es zumindest Hoffnung, dass das leidige Thema des Nicht-Singens im Fussball und im Sport allgemein irgendwann ein Ende nehmen könnte. Die Kicker sind nämlich nicht die einzigen Sportler, bei denen nie ein «Dich, du Hocherhabener, Herrlicher» über die Lippen kommt. Dem in der Fleischbranche als Unternehmensleiter tätigen Albert Baumann, vor drei Jahren als Swiss-Award-Gewinner in der Sparte Wirtschaft ausgezeichnet, muss das ebenfalls aufgefallen sein. Er hat sich darum aufgemacht, das Jodeln und Singen unter Spitzensportlern salonfähig zu machen.

Dem Micarna-Team, das Albert Baumann 2005 gegründet hat und von seinem gleichnamigen Betrieb finanziert wird, gehören aktuell 8 weibliche und 14 männliche Athleten aus 17 Sportarten an. Neben einer finanziellen Entschädigung profitieren diese von Dienstleitungen, der Hilfestellung bei medizinischen Problemen und dem gegenseitigen Gedankenaustausch bei den regelmässigen Zusammenkünften. Und seit dem gestrigen Weihnachtsessen des Micarna-Teams wissen der Schwinger Armon Orlik, der Radprofi Michael Albasini, die Leichtathletin Selina Büchel, der Kunstturner Pablo Brägger und die Snowboarderin Julie Zogg, wie man singt. So viel sei verraten, sie haben es schnell und gut gelernt. Und es hat ihnen sogar Spass gemacht. This Ammann, die von Albert Baumann beigezogene musikalischen Kapazität aus dem Toggenburg, sei Dank. Vielleicht ist er es, der auch Granit Xhaka und Ricardo Rodriguez zum Singen bringen könnte. Ein Versuch wäre das allemal wert, oder?

René Weber ist Leiter Sport der Zeitung «Südostschweiz».  

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