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Eine berührende Begegnung

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Remo
Blumenthal

Im Blog «Anpfiff» berichten Journalistinnen und Journalisten jede zweite Woche aus der Südostschweiz-Sportredaktion.

Bei Mannschaftssportarten gibt es vor allem ein Ventil, über das man die Luft rauslässt, wenn etwas nicht so ist, wie man möchte. Hand aufs Herz: Wie viele Male haben Sie sich schon über den Schiedsrichter geärgert? Dabei sind doch genau diese Schiedsrichter so eminent wichtig. Eine Fussball-Weltmeisterschaft ohne Schiedsrichter? Undenkbar. Ein Boxkampf ohne Ringrichter? Schlicht nicht durchführbar. Und trotzdem sind es immer die Unparteiischen, die eins aufs Dach kriegen.

Vor mehr als einem Jahr liess sich sogar der Weltfussballer Cristiano Ronaldo zu einer Tätlichkeit hinreissen. Im Supercup-Final war der sonst faire Sportsmann (sieben Rote Karten in fast 1000 Spielen) derart unzufrieden über seinen Platzverweis, dass er den Schiedsrichter in den Rücken stiess. Für fünf Spiele wurde Ronaldo gesperrt. Dabei war das eigentlich noch eine «kleine Tätlichkeit». Viel schlimmer geht es oft in unteren Ligen zu und her, wo man erst recht auf Schiedsrichter angewiesen ist. In einem A-Jugend-Spiel in Deutschland beispielsweise wurde einem 17-jährigen Unparteiischen ein Zahn ausgeschlagen, nachdem er einem Spieler die Rote Karte gezeigt hatte.

Auch ich kann nicht behaupten, dass sich meine Wut nie gegen den Schiedsrichter richtet. Gerade am vergangenen Samstag bei einem Spiel von Chur Unihockey oder am Sonntag bei einem Spiel meines UHC Sarganserland war ich mit gewissen Schiedsrichter-Entscheidungen unzufrieden. Ich sass aber still da und nahm es zur Kenntnis. Denn nur wenige Tage vorher hatte ich eine berührende Begegnung.

Samstag, 27. Oktober: Bei der «Nacht des Ostschweizer Fussballs» wird der «Schiedsrichter des Jahres» gekürt. Ich bin gespannt, meine Fragen für das TV-Interview habe ich bereits im Kopf. Da fällt sein Name: Willi Baumgartner. Ich erwarte einen jüngeren Mann, der jetzt dann gleich den Preis entgegennehmen wird. Doch auf die Bühne tritt ein Mann stattlichen Alters, gross und breit gebaut. Ich bin verblüfft und denke: «Oh, das könnte vom Alter her mein Vater sein.»

Baumgartner nimmt den Award entgegen und beantwortet erste Fragen. Dann meldet sich per Videobotschaft niemand Geringerer als die Fussballtrainer-Legende Hanspeter Latour. Der mittlerweile 71-Jährige findet nur lobende Worte für den Glarner Schiedsrichter. Er sei stets fair und anständig gewesen, habe sich nie aus der Ruhe bringen lassen. Wenige Minuten nach dieser Videobotschaft sitzt Willi Baumgartner vor mir. Seit 45 Jahren, erzählt mir der 65-Jährige, sei er nun schon als Schiedsrichter aktiv. Es sei seine Leidenschaft, seine Passion. «Ich wollte schon immer etwas machen, wovor andere sich scheuen», sagt er, während in seinen Augen die pure Leidenschaft funkelt.

Baumgartner findet es schade, wenn Schiedsrichter von Spielern angegangen werden. Denn mit 530 Schiedsrichtern sei die Ostschweiz unterbesetzt. Dabei liessen sich – entgegen den Erwartungen – viele als Schiedsrichter rekrutieren. Ein Teil davon fliege später aber durch den Eintrittstest, ein weiterer Teil habe nach ersten praktischen Erfahrungen genug. Er hingegen liebe seine Aufgabe und sei, wenn nicht selbst auf dem Platz, auch als Vertreter der Schiedsrichterkommission in der Region unterwegs.

Wahrlich, ein Vollblut-Schiedsrichter, dieser Willi Baumgartner. Einer, der sich auf Dinge einlässt, von denen andere lieber die Finger lassen. Das ist es, was mir am meisten imponiert. Und deshalb werde ich mir in Zukunft immer gut überlegen, ob ich etwas gegen den Schiedsrichter sagen werde oder ob ich einfach nur froh bin, dass er da ist.

Remo Blumenthal ist Sportredaktor bei TV Südostschweiz und spielt Unihockey beim UHC Sarganserland.

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