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Schickt Eure Kinder nach draussen!

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Tobias
Kreis

Im Blog «Anpfiff» berichten Journalistinnen und Journalisten jede zweite Woche aus der Südostschweiz-Sportredaktion.

Graubünden ist ein Sportkanton, keine Frage. Alle kennen den HC Davos. Nino Niederreiter, Nino Schurter, Dario Cologna und Carlo Janka sind Stars von internationalem Format. Sie sind einfach fit, die Bündner. Müssen Sie ja auch sein. Wie sonst will man in einer unwegsamen, von den Alpen dominierten Gegend zurechtkommen? Es gab Zeiten – und das war vor unserer Zeit –, da entschied die physische Konstitution über Leben und Tod. «Survival of the Fittest» nannte Evolutionstheoretiker Charles Darwin diesen Umstand. Während des Zweiten Weltkriegs wurde an den Schweizer Schulen mit dem militärischen Vorunterricht letztmals ein Mindestmass an körperlicher Fitness eingefordert. Nie wieder waren wir seither zwecks Überleben auf Muskeln angewiesen – und das ist auch gut so.

Nur: Wohlfahrt und körperliche Trägheit sind gute Freunde. Übergewicht (ab BMI 25) und Adipositas (ab BMI 30) haben sich zu einem globalen Problem entwickelt. Gemäss dem Bundesamt für Statistik sind in der Schweiz rund 41 Prozent der Erwachsenen übergewichtig, zehn Prozent davon adipös. Übergewicht und Adipositas zählen zu den Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einige Krebsarten. Die dadurch verursachten Gesundheitskosten sind zwischen 2002 und 2012 von 2,7 auf 8 Milliarden Franken gestiegen. Erst jetzt sind auf politischer Ebene Bemühungen im Gange, die Kosten auf Stufe Krankenkassen zumindest teilweise auf die Verursacher abzuwälzen. 

Nicht falsch verstehen: Es ist nicht so, dass wir uns nicht mit kranken Menschen solidarisieren sollten. Deswegen pflegen wir einen ausgeprägten Sozialstaat. Nur schafft das Verursacherprinzip einen wunderbaren Anreiz zur Bewegung. Die Erziehung zur Bewegung muss allen, die gerne weniger Geld an die Krankenkassen zahlen würden, ein grosses Anliegen sein. Doch wer kann erziehen? Die Schule wäre prädestiniert. Wenn aber bildnerisches Gestalten und Musik promotionsrelevant sind, der Sportunterricht dagegen nicht, muss zumindest infrage gestellt werden, ob der Bildungsauftrag noch zeitgemäss ist. Graubünden hat 2009 die Zeichen der Zeit erkannt und «Turnen und Sport» als Promotionsfach für alle Gymnasialstufen ausgerufen. In St. Gallen und weiteren Kantonen ist dies (noch) nicht geschehen. Promotionsfach hin oder her: Gute Sportlehrpersonen wissen ohnehin, dass es ihr wichtigster Auftrag ist, den Schülern die lebenslange Freude an der Bewegung zu vermitteln – unserem strapazierten Gesundheitssystem zuliebe. 

In der Pflicht sind noch vor der Schule die Eltern, die ihrem Nachwuchs die ersten Vorbilder sind. Als Person, die keine Kinder hat, geht es natürlich ring von der Feder. Und trotzdem: Wer seine Kinder stundenlang vor Bildschirmen kleben lässt, handelt fahrlässig. Wo es die Möglichkeiten zulassen, sollten die Kinder ein Programm geboten bekommen, das der körperlichen Entwicklung zuträglich ist. Die Möglichkeiten dazu sind fast immer vorhanden – auch in Familien, in denen die Freude an Bewegung nicht vorgelebt wird. Alleine das staatliche Sportförderprogramm Jugend + Sport bietet jährlich 77'000 Kurse und Lager an. 

Eltern, schickt eure Kinder zum Spielen nach draussen! Tun wir das nicht, stürzt langfristig nicht nur unser Gesundheitssystem in den Abgrund. Auch wird die Chance immer kleiner, dass wir uns auch in Zukunft mit unseren dicken Bäuchen vor die TV-Geräte bequemen können, um mit den Jankas, Niederreiters, Colognas und Schurters mitzufiebern.

Tobias Kreis ist Sportredaktor bei «suedostschweiz.ch». 

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