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Leidenschaft ist das Zauberwort

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Remo Blumenthal (rechts) 2017 im Derby gegen Alligator Malans. YANIK BÜRKLI
Remo
Blumenthal

Im Blog «Anpfiff» berichten Journalistinnen und Journalisten jede zweite Woche aus der Südostschweiz-Sportredaktion.

Remo Blumenthal* über den Aufwand, den man als Amateursportler betreiben muss.

Ach, die schönen Bilder. Gerade im Fernsehbereich, wo ich mich drin bewege, sieht man meist tolle Bilder. Von Teams, die Meisterschaften gewinnen, oder von Einzelsportlern, die in ihrem Bereich absolute Spitze sind. Beispielsweise die Calanda Broncos, das Mass aller Dinge in der Schweiz. Man sieht Wochenende für Wochenende Siege, lachende Gesichter, und man will irgendwie Teil davon sein. Es sieht ja irgendwie auch noch cool aus, bei solch einer Mannschaft dazuzugehören. Das gleiche Bild zeigt sich auch bei Boxern, Rennfahrern oder Marathonläufern. Wäre ja schon cool, als Erster ins Ziel zu laufen, wenn dir alle zujubeln. 

Und zu guter Letzt natürlich auch im Unihockey, wo ich herkomme. «Gratulation zum Sieg, das muss ein schönes Gefühl sein, das entscheidende Tor zu machen», höre ich immer wieder. Klar, ist das ein schönes, wenn nicht sogar das beste Gefühl der Welt. Bei einem Bündner Derby zwischen Alligator Ma-lans und Chur Unihockey ein Tor in einer ausverkauften Halle zu erzielen, kann man kaum in Worte fassen. Man muss es erleben. 

Doch Stunden später ist alles anders. Der Zauber verflogen. Du sitzt an deinem Schreibtisch und gehst deiner Arbeit nach. Kaum einer fragt: «Habt ihr gewonnen am Wochenende?» Im Gegenteil. «Verdienst du da überhaupt was?» oder «Wahnsinn, dieser Aufwand für nichts», sagen sie. Leidenschaft heisst das Zauberwort. Leidenschaft, die dich antreibt, jeden Abend in die Trainingshalle zu gehen. Leidenschaft, die vieles rundherum klein werden lässt. Leidenschaft, wegen der man viele Opfer bringt. Und Leidenschaft, die Aussenstehende erst nach dem entscheidenden Tor erkennen. Beim kleinsten überhaupt sichtbaren Teil der Leidenschaft. Doch was alles dahintersteckt, sehen und verstehen viele nicht. 

10'000 Trainingsstunden braucht es laut wissenschaftlichen Berechnungen, bis man etwas erfolgreich ausüben kann. Nicht umsonst stehen bereits Fünfjährige auf Sportplätzen und eifern ihren Idolen nach. So auch ich früher. Und ich denke, ich habe diese Trainingsstunden jetzt hinter mir. 14 Jahre lang Unihockey, 14 Jahre lang jede Woche drei- bis fünfmal Training. Am Wochenende geht es selten auf Partymeilen oder in Klubs; Carfahrten bis zu sechs Stunden stehen auf dem Programm und das meist gar zweimal pro Wochenende: Autobahn, Raststätte, Turnhalle und zurück. Leidenschaft heisst das Zauberwort. Über acht Stunden arbeiten, kurz nach Hause eilen, um danach direkt weiter ins Training zu gehen. Mehrmals pro Woche. Noch intensiver bei Junioren. Eltern, die ihre Kinder unterstützen, ins Training bringen, wieder abholen. Am Wochenende sitzen sie mit den Kindern in der Halle, helfen meist noch in den Festwirtschaften, die gebraucht werden. Und auch bei ihnen heisst das Zauberwort Leidenschaft. Und meist ist es bei Elternteilen nur bedingt die eigene Leidenschaft, aber man macht es fürs Kind, da dieses grosse Freude daran hat. Vielen Amateursportlern reicht es heutzutage nicht, «amateurhaft» zu trainieren. Man lebt wie ein Profi, trainiert wie ein Profi und strebt nur der Leidenschaft nach, von der man unter dem Strich gar nicht leben kann. Man braucht ein sensibilisiertes Umfeld, einen verständnisvollen Arbeitgeber. Nicht wenige Spiele oder Events sind unter der Woche, man braucht frei, opfert Ferientage. So geht es unseren erfolgreichen Footballern, unseren Unihockeyanern, unseren Fussballern. Und Einzelsportlern sowieso. Doch das Zauberwort ist und bleibt die für viele unerklärliche Leidenschaft, die diese tollen Erfolge unserer Sportler überhaupt ermöglicht und Sie täglich antreibt, den ungeheuren Aufwand für ihre Leidenschaft zu betreiben.

*Remo Blumenthal ist Sportredaktor bei TV Südostschweiz.

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