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Der Fussball ist nicht die Nummer 1

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Chur 97, der beste Bündner Fussballklub, fristet ein Schattendasein. OLIVIA ITEM
René
Weber

Im Blog «Anpfiff» berichten Journalistinnen und Journalisten jede zweite Woche aus der Südostschweiz-Sportredaktion.

Vor der Eishockey-Saison ist nach der Fussball-WM, sagt man. Nach der Leichtathletik-EM ist vor der Wintersportsaison. Beides ist korrekt. Ein Höhepunkt folgt im Sportkalender dem nächsten. An (fast) 365 Tagen im Jahr wird um Siege, Trophäen oder Medaillen gelaufen, gekämpft und gefahren. Es gibt überall gefeierte Sieger und frustrierte Verlierer. So ist und funktioniert der Sport.

Als Journalist über den Sport oder – anders gesagt – über die schönste Nebensache der Welt zu berichten, ist ein Traumberuf, keine Frage. Nicht nur wenn Grossanlässe und spezielle Events anstehen, bekommt man das zu hören – von allen Seiten. Man kann das mit Neid und Missgunst bezeichnen. Eines ist klar: Jene, die mir und meinen Arbeitskollegen auf der Sportredaktion zu verstehen geben, dass der Besuch der Fussball-WM, von Olympischen Spielen, Eishockey-Partien am Spengler Cup oder des Eidgenössischen Schwingfests Ferienreisen seien, die irren. Ich will nicht jammern. Jeder Anlass, jedes Spiel ist aber immer mit Arbeit und Aufwand verbunden. Das dürfen Sie mir glauben.

Aktuell sind wir daran, die Mountainbike-WM vorzubereiten. Interviews werden geführt, Storys geschrieben und Termine auf der Lenzerheide vereinbart. Je näher der Anlass rückt, desto weniger Zeit bleibt für die Aktualität. Auch darum, weil gleichzeitig die Eishockey-Saison vorbereitet werden will. Das Bündner Flaggschiff, der HC Davos, sowie die drei Erstligisten Arosa, Chur und Prättigau starten bald in die Meisterschaft. Gleichzeitig dürfen wir den Saisonauftakt im NLA-Unihockey mit Chur Unihockey, Alligator Malans und Schweizer Meister Piranha Chur nicht verpassen. Turner, Schützen, Biathleten, Snowboarder, Leichtathleten, Skifahrer, Langläufer und, und – alle sind auf unserem Radar. Alle haben Ansprüche, wünschen eine grosse Medienpräsenz. Eine solche ist unabdingbar, will man für Zuschauer und Sponsoren interessant sein und bleiben.

Die Schwingerfamilie ist das. Der Hosenlupf erfreut sich grosser Beliebtheit, lockt die Massen an. Der Eidgenössische Nachwuchsschwingertag in Landquart war am letzten Wochenende mit fast 5000 Zuschauern eine grosse Herausforderung, für Organisatoren und auch für unsere Sportredaktion. Auf TV, Radio, Online und Print haben wir über die Eidgenossen der Zukunft berichtet.

Bleibt der Fussball, der König des Sports. Keine andere Sportart kann ihm, weltweit betrachtet, das Wasser reichen. Zum Glück für Skirennfahrer, Eishockeyaner usw. gibt es überall aber noch Regionen wie Graubünden. Hier ist alles anders. Hier ticken die Uhren anders. Nicht, dass bei uns Bundesliga, Premier League, Serie A oder Champions League nicht auch viele Fans hätten. Selbst die Schweizer Super League ist ein Dauerthema. Mit dem FC St. Gallen ist der älteste Klub des Landes zugleich auch noch der beliebteste der Ostschweiz.

Und trotzdem hat das Kicken in Graubünden aktuell nur eine geringe Bedeutung. Chur 97, das Aushängeschild, ist lediglich Teil der fünfthöchsten Spielklasse. Das Interesse für den Fussball in Graubünden, das versteht sich von selbst, ist dadurch bescheiden. Oder wer kennt Olcay Gür oder Resandan Yogarajah? Sie sind definitiv nicht Cristiano Ronaldo und Xherdan Shaqiri.

Das ist bedauerlich für den Bündner Fussball. Für Carlo Janka, Armon Orlik, Andri Ragettli und Andres Ambühl ist es dagegen ein Segen. Sie sind es, die bei uns den Ton angeben – bei Fans und Medien. Solange die Fussballer im Kanton nicht Erfolg haben, bleibt es dabei, dass in Graubünden König Fussball nicht die Nummer 1 ist.

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