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Wenn der Terminkalender leer ist …

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Skicross Davos
Die Delegation der nationalen Skicrosser bereitet sich am 3.2.2010 in Davos Parsenn auf die bevorstehenden olympischen Winterspiele in Vancouver vor. Bild Marco Hartmann
Marco Hartmann

Im Blog «Anpfiff» berichten Journalistinnen und Journalisten jede zweite Woche aus der Südostschweiz-Sportredaktion.

Das Jahr zählt 365 Tage. Für einen Sportler sind die meisten Tage davon verbucht und gespickt mit Terminen: Training, Physiotherapie, medizinischer Check, Materialanpassung, Sponsorentreff und natürlich die Wettkämpfe. Nach dem Prinzip: Train. Eat. Sleep. Repeat.

Langweilig wird es einem bei diesem Programm bestimmt nicht; es ist mehr die Kunst, noch etwas Platz für Freizeit und Erholung im Terminkalender zu finden. Nicht zu vergessen die Journalisten, welche anklopfen und sich dann oftmals ein wenig gedulden müssen, weil der Terminkalender des Sportlers wieder einmal voll ist. Im Mai weiss der Sportler bereits, was im September ansteht, und im September, wo er im Februar unterwegs sein wird. Die Tage zu Hause sind gezählt, man lebt praktisch aus dem Koffer.

Ein Leben ohne Rast und Ruh. Aber auch ein Leben, das mir während meiner Zeit als Skicrosserin immer gefallen hat. Trotzdem, irgendwann kommt der abrupte Wechsel. Dann, wenn der Sportler seinen Rücktritt gibt. Von einem Tag auf den anderen wechselt die Agenda von randvollen zu blanken Seiten. Man steht da und muss sich neu orientieren. Klar, der Gedanke an den Rücktritt kommt einem schon früher und der Gedanke «Was mache ich danach?» ebenfalls. Trotzdem wird das Leben von einem Tag auf den andern buchstäblich auf den Kopf gestellt.

Die einen geniessen es nach dem Rücktritt wahrscheinlich, vermehrt Zeit zu Hause zu verbringen. Zeit für Freizeit mit Familie und Freunden zu haben. Endlich einmal Ferien machen zu können, wann man will und wie lange man will. Denn als Sportler sind die Tage für Freizeit und Ferien begrenzt. Der Trainings- und Wettkampfplan gibt genau vor, wann wie lange Ferien gemacht werden können. Da sucht man sich nicht seine Lieblingsdestination aus und schaut, zu welcher Jahreszeit es am schönsten ist – nein, man nimmt man die Wochen, die noch nicht verplant sind, und schaut, wo es dann am schönsten und wärmsten sein könnte.

Die anderen wiederum stehen da und wissen nicht wirklich, wie, was, wann, wo. Ich gehöre zur zweiten Kategorie. Klar, auch ich freute mich nach meinem Rücktritt vom Wettkampfsport auf die vermehrte Zeit mit Familie und Freunden und auf ausgedehnte Ferien. Trotzdem war alles irgendwie komisch. Als ich vom Wettkampfsport zurücktrat, musste ich mich im Leben neu finden. Neu finden? Was heisst das? Zum Beispiel, sich daran zu gewöhnen, Tag für Tag zu nehmen und nicht bereits vier Monate vorauszuplanen. Sich daran zu gewöhnen, dass der Terminkalender leer ist oder nur noch ganz wenige Einträge und kurzfristige Termine drinstehen. Oder sich daran zu gewöhnen, dass es den vollen Jahresplan nicht mehr gibt.

Sobald die neue Beschäftigung, der berufliche Weg einen jedoch gepackt haben, steckt man sich neue Ziele, geht an neue Aufgaben heran – wie früher im Sport. Und mit den neuen Zielen und Aufgaben findet man auch schnell den Einstieg in den neuen Alltag, fasst Fuss im «neuen» Leben. Auch wenn der Terminkalender (noch) leer ist …

Zoé Chastan ist Moderatorin und Leiterin Sport bei Radio Südostschweiz. Im Frühjahr 2015 trat sie vom Wettkampfsport als Skicrosserin zurück.

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