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«Zurückblickend war es eine schöne Zeit»

Am 26. Juli feiert Peter Matter seinen 90. Geburtstag und nimmt es inzwischen ruhiger. Doch er darf auf ein arbeits­reiches Leben zurückblicken, in dessen Verlauf er an manchem Meilenstein aktiv mitwirkte. «Es hat Spass gemacht», sagt der ehemalige Chefarzt am Spital Davos und ehemalige Präsident der AO-Stiftung.

Barbara
Gassler
26.07.22 - 07:23 Uhr
Aus dem Leben
Barbara und Peter Matter in ihrem Heim hoch über Davos.
Barbara und Peter Matter in ihrem Heim hoch über Davos.
bg

Davos, oder genauer das Laret, war für Peter Matter nichts Neues, als er 1969 eine Stelle als Habilitant (zukünftiger Professor) am damaligen Laboratorium für experimentelle Chirurgie unter Leitung von Professor Stephan Perren – aus diesem  ging das heutige AO Forschungsinstitut hervor – antrat. Denn als Jugendlicher hatte er gelegentlich seine im Laret kurende Mutter besucht. Doch nun wollte er vorübergehend weg von seiner Oberarztstelle im Universitätsspital Basel, wo er während drei Jahren unter der Ägide des AO-Mitbegründers Martin Allgöwer tätig gewesen war. Denn in Davos lockte mehr: Ein Familienleben und die Möglichkeit zum Skifahren. So wohnte Matter also mit seiner Frau Barbara und den drei älteren Kindern im Laret (ein viertes wurde in Davos geboren) und forschte an der Knochenbruchheilung. Als zwei Jahre später die Stelle als Chefarzt am Spital Davos ausgeschrieben war, musste die junge Familie jedoch eine schwierige Entscheidung fällen: Dem jüngeren Sohn bekam die Kälte gar nicht. Er reagierte mit einer Blutkörperchenagglomeration, die jeweils im Spital behandelt werden musste. «Sein Fall war damals einer von gerade fünf in der Schweiz», fügt Barbara Matter an dieser Stelle ein. «Zum Glück hat es sich ausgewachsen.» Doch damals war das eine lebensbedrohliche Situation, und die Mutter schirmte in der Folge ihren Sohn über Jahre von Temperaturen unter 0 Grad ab. Denn die in Davos ausgeschriebene Stelle war zu verlockend. «Zu dieser Zeit wurde gerade der Neubau des Spitals geplant, und als Chefarzt konnte ich auch am Bau mitwirken», erzählt Peter Matter. Ursprünglich hatte er Allgemeinmediziner werden wollen. Zur Chirurgie kam er erst am Kantonsspital Chur, wo er mit Unterbruch von 1959 bis 1967 mit dem bereits erwähnten Martin Allgöwer gearbeitet hatte. Nun kam noch die Aufgabe eines Bauberaters dazu. «Das lockte mich.»

Weitsichtige Entscheidungen

Nach einem langwierigen Auswahlverfahren – «Die Davoser Bevölkerung befürchtete, dass ich die AO-Techniken an ihnen ausprobieren würde» – wurde Matter der Chefarzt-Posten zugesprochen und er gleichzeitig in die Spitalkommission berufen. «Die Architekten wunderten sich, was alles ich jeweils ausmass», erinnert er sich mit einem Schmunzeln. Doch der Hintergrund war ernsthaft. Als Chirurg wusste er, wie ein Spital gestaltet sein musste. «Das fängt bei der Position der Wasserhahnen an. Für Chirurgen müssen sie hoch angebracht sein, damit man sich die Hände bis zu den Ellbogen abtropfen kann.» Dann sei ihm auch wichtig gewesen, das Spital wirtschaftlich und logistisch funktionell zu bauen. So sind noch heute Notfall, Operations- und Aufwachräume, bildgebende Untersuchungen und die Intensivstation auf einem Stock nahe beieinander angeordnet. «Und das Notstromaggregat auch», ergänzt Matter. Das machte es unnötig, im ganzen weiteren Spital eine Notstrom-Installation vorzunehmen. «Und sparte etwa drei Millionen Baukosten.» Auch bei den Liften setzte Matter seine Vorstellungen durch. Er bestand darauf, dass darin auch Patienten mit über das Bett hinaus ragenden Streckvorrichtungen transportiert werden konnten. «Heute fallen zwar diese Extensionen weitgehend weg, dafür sind die Betten länger geworden», ist Matter zufrieden mit der damals getroffenen Entscheidung.

Freude über die Neuerung

In einem Punkt bewahrheiteten sich ­allerdings die vor Matters Ernennung geäusserten Befürchtungen. Als AO-Chirurg und Mitglied von deren Technischer Kommission – sie testet neue Verfahren in der Praxis und gibt anschliessend eine Empfehlung ab – war es sein Auftrag, die AO-Prinzipien im Alltag anzuwenden. «Das habe ich auch gemacht und im Nachgespräch mit den Patienten beiläufig erwähnt, dass bei ihnen etwas Neues angewendet wurde.» Bis auf eine einzige Ausnahme hätten die Patienten immer Freude gehabt, Teil der Weiterentwicklung der Osteosynthese zu sein. Und die Ausnahme? «Nun ja, Medizinergattin», seufzt Matter.

Überzeugungsarbeit

Als Teil der AO nahm Matter 1960 auch an den ersten AO-Kursen in Davos teil. «Ich war in der Pause zuständig für Bier und Würste», erinnert er sich. Später war es an ihm, Kollegen in den Fraktur­behandlungsmethoden und Techniken zu unterweisen. «Zusammen mit Stephan Perren, dem Leiter des AO-Forschungsinstituts, war ich zum 1. AO-Kurs 1972 nach Australien gereist, und wir wunderten uns über den überaus kühlen Empfang.» Erst als sie im Lauf der Woche die dortigen Kollegen mit ihren Verfahren beeindrucken konnten, lüftete sich langsam der Nebel. «Sie waren alle in Grossbritannien ausgebildet worden und hatten dort die Erfahrung gemacht, dass die operative Osteosynthese nicht funktioniert.» Denn die AO sei nicht die erste gewesen, die solche Verfahren angewandt habe, aber ihr Verfahren habe sich durchgesetzt und sei heute Standard. Über viele Jahre war der Hunger nach Unterweisung gross und AO-Instruktoren sehr gefragt. So lehrte Matter an der Universität Basel. Zuerst als Privatdozent, später als ausserordentlicher Professor. Wann das war? Das wisse er nicht mehr, sagt Matter bescheiden, erinnert sich aber lebhaft an die Diskussionen zu seiner Entlöhnung. «Man war der Ansicht, dass ich mit 40 Franken pro Vorlesung zu viel verdiene, vergass aber, dass ich dazu nach Basel reisen, übernachten und wieder heimkommen musste.»

Immer auf Abruf

Dass bei einem solchen Arbeitspensum nicht viel Zeit für anderes bleibt, ist naheliegend. Matter musste sich eingestehen, dass er nicht alles bewältigen konnte. «Ich hatte mir vorgenommen, in Davos wieder regelmässig zu reiten. Das wäre mein Erfolg gewesen.» Als er die Reitstunden jedoch mehrheitlich am Telefon in der Reithalle verbrachte und sie zu oft abbrach, musste er einsehen: «Ich habe versagt.» Und auch die Familie musste zurückstecken. «Meine Frau Barbara führte zu Hause ein KMU. Ohne sie wäre das alles nicht möglich gewesen.» Und wenn er sich doch einmal frei genommen habe, sei immer etwas passiert, erinnert er sich. So zum Beispiel, als er die Konfirmation der beiden älteren Kinder feiern wollte. «Da ging am Grialetsch eine grosse Lawine ab.» Bis zum Ende der Sucharbeiten sollten fünf Opfer und ein Verletzter geborgen werden.

Im Auftrag der AO

Nachdem Matter nach dem Gründungspräsidenten schon früh Präsident von AO Schweiz gewesen war, und über die Jahre seine Expertise an zahllosen AO-Kursen weltweit weitergegeben hatte, übernahm er nach seiner Pensionierung am Spital Davos mit 62 Jahren noch mehr Aufgaben für die AO. So war er zuerst Präsident von AO International und später Präsident der AO-Stiftung, bevor er sich im Alter von 70 Jahren allmählich von den offiziellen Funktionen zurückzog. Dennoch wurde er später immer wieder gerne für spezielle Aufgaben angefragt.

Nicht schlecht gemacht

«Es war eine Belastung und hat doch Spass gemacht», sagt der nun offiziell 90-jährige rückblickend. So sei er zwar viel gereist, habe ausser dem Flughafen und dem jeweiligen Kongresszentum aber doch eigentlich nichts gesehen. Erst später, als die Kinder schon grösser gewesen seien, hätten sie es sich als Ehepaar erlaubt, seine offiziellen Termine manchmal um ein paar Tage auszudehnen. «Es gab da eine Frau mit Nerven aus Stahlseilen, die in solchen Fällen einspringen und die Kinder sowie die ganze Menagerie betreuen konnte», lächelt Barbara Matter dazu. Und sie hat auch, wie sollte es anderes sein, das letzte Wort: «Nächstes Jahr feiern wir unseren 60. Hochzeitstag. So schlecht haben wir es also nicht gemacht.»

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