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Wie Chur zu einer Velostadt werden könnte

Über die Velo-Challenge Cyclomania und darüber, wie Chur zu einer Velostadt werden könnte – ein Gespräch mit Simon Gredig von Pro Velo Graubünden.

Bündner Woche
24.09.22 - 16:00 Uhr
Aus dem Leben
Schmaler Velostreifen: Es bleibt nicht genügend Platz für Velos, geschweige denn für Velos mit Anhänger.
Schmaler Velostreifen: Es bleibt nicht genügend Platz für Velos, geschweige denn für Velos mit Anhänger.
zVg

von Riccarda Hartmann

Der Bus hält. Ein Velofahrer mit Anhänger kreuzt seinen Weg, um aus der Stadt ins Grüne zu fahren. Der Bus fährt in die andere Richtung, in die Innenstadt. Velos sind ein beständiger Begleiter auf seiner rechten Seite. Auf dem Weg zur Arbeit, zum Einkaufen oder zu einer Verabredung. Die Leute haben ihre Zweiräder herausgeholt an diesem sonnigen, noch warmen Tag, obschon der Herbst in der Luft liegt. Vielleicht ist eine der Personen wegen der Velo-Challenge von Cyclomania mit dem Velo unterwegs?

Vom Bahnhof Chur sind es wenige Minuten bis zum Standort des Vereins Pro Velo Graubünden. Der Eingang wird von einem schwarzen, zwei grauen und einem roten Fahrrad markiert. Ist der Besitzer oder die Besitzerin eines dieser Velos mit Cyclomania unterwegs? Der Velo-Challenge im September. Eine Aktion zur Förderung des Velos als umweltfreundliches und gesundes Verkehrsmittel, an der Gemeinden oder Regionen mitmachen können. Während eines Monats können Punkte mit dem Fahrrad oder zu Fuss gesammelt werden, um Preise zu gewinnen.

Förderung der Veloinfrastruktur erwünscht

Die Stadt Chur hat die letzten zwei Jahre auch teilgenommen. Dieses Jahr jedoch nicht mehr, weil die Beteiligung unter den Erwartungen lag. «Natürlich schade, aber ich kann damit leben, wenn das Geld nun in Projekte fliesst, die noch direkter mit Chur verbunden sind», meint Simon Gredig, Geschäftsführer von Pro Velo Graubünden. Seine dunklen Haare nehmen sich, anders als unter dem Velohelm, die Freiheit heraus und stehen in alle Richtungen ab.

Projekte, die vor allem die Förderung der Veloinfrastruktur in der Stadt unterstützen, wünscht sich Simon Gredig. Schnell, ohne Umstände und sicher vorwärtskommen. Das sei das Ziel für das Velofahren in einer Stadt. Damit es attraktiv ist. Unterbrechungsfreie Strecken, Sicherheit, Komfort und Platz sind gefragt. Die Routenführung muss verständlich sein.

«Es bräuchte wenig. Einfach eine Umverteilung vom Platz»

Simon Gredig

Simon Gredig steht auf, verlässt das Zimmer und kommt kurz darauf mit einem Velo Stadtplan Chur und Churer Rheintal zurück, der die Velorouten zeigt. Die Stadt habe ihre Arbeit für den Plan richtig gemacht, doch es sei ernüchternd, weil es nicht so viel gäbe, was man zeigen könnte, so der Geschäftsführer. Die roten Linien zeigen die Routen an. Ein wirklich gerader Weg vom Zentrum aus in alle Richtungen fehlt. «Wenn man jetzt in den Westen fahren möchte, muss man ziemlich viele Umwege fahren. Eine Kurve da, Strasse überqueren, wieder eine Ecke, beinahe durch den Garten von diesen Leuten. Das ist wahnsinnig unattraktiv für jemanden, der jeden Tag schnell nach Ems und zurückmuss», Simon Gredig fährt mit seinem Finger den Linien auf dem Plan nach. Die markierte Hauptroute, um die Stadt diagonal zu durchqueren, führt über die Ringstrasse, weil es dort einen Velostreifen hat. Der Fluss des Streifens wird durch Kreisel und Fussgängerinseln unterbrochen. Die Durchgängigkeit ist nicht gewährleistet. Eine parallele Route sei dort geeignet, die auch in Planung sei.

«Es bräuchte wenig. Einfach eine Umverteilung vom Platz», erklärt der Geschäftsführer. Es bräuchte auch nicht teure Eingriffe. Dort wo Autoparkplätze am Strassenrand sind, können schnell Velowege entstehen und Bäume gepflanzt werden. Eine bessere Lebensqualität und sichere Fahrradwege würden folgen. Der Parkverlust wäre im Grunde keiner, weil es unterirdisch vielerorts bereits genügend Parkplätze gäbe, ergänzt Simon Gredig.

Velowege als rote Linien. Bild Riccarda Hartmann
Velowege als rote Linien. Bild Riccarda Hartmann

Am letzten Freitag zum internationalen Park(ing)-Day sind 120 Parkplätze in mehreren Städten, darunter auch Chur, temporär umgestaltet worden. Auch bei solchen Aktionen geht es darum, den Velofahrenden, Fussgängerinnen und Fussgängern mehr Platz zur Verfügung zu stellen.

Simon Gredig schweben keine teuren, grossen Eingriffe vor. Kleine Veränderungen sind es, die er sich und für alle Velofahrerinnen und Velofahrer in der Stadt Chur wünschen würde. Wie das Umwandeln der Strassenparkplätze oder eine Verbreiterung des Velostreifens auf der Gäuggelistrasse. Das Bild, das er auf seinem Laptop aufschaltet, zeigt einen gelben Streifen auf dem Asphalt, unterbrochen vom Velopiktogramm. Das gezeichnete Velo hat ebenso keinen Platz, wie der Veloanhänger. Seine Lösung: Einspurstrecken für Autos, um in das Parkhaus einzubiegen, aufheben und den Platz für einen breiteren Velostreifen zu verwenden. So sei es für alle sicherer und bequemer. Dieser Vorschlag des Pro Velo Graubünden sei von den zuständigen Behörden aufgenommen worden. Vieles, was dem Auto aber Platz wegnehmen würde, sei politisch nicht umsetzbar. «Das Auto hat überall Vorrang. Überall Priorität.» Simon Gredig fährt sich durch die Haare.

Velo als politisches Mittel

Einen Blick zurück, mehr als hundert Jahre, und in den Strassen ist alles zu finden gewesen. Fussgänger, Fahrräder, Kutschen. Irgendwann sind dann die Autos gekommen – schneller, stärker, grösser – und Velos und Fussgängerinnen und Fussgänger sind an den Rand gedrängt worden. «Wir wollen eine Umkehrung von dem. In der Stadt wollen wir uns primär mit dem ÖV und dem Velo fortbewegen», sagt der Geschäftsführer und Velofahrer.

Das Velo wird je länger, je mehr von einem Fortbewegungsmittel zu einem politischen Mittel. Am Freitagabend, vor zwei Wochen, sind 150 Personen mit ihren Velos in Chur unterwegs gewesen. Im Rahmen der Velodemo, die vom Klimastreik Graubünden organisiert worden ist. Unter dem Motto «Chur Autofrei» und trotz schlechter Wetterprognosen sind viele Leute durch Chur geradelt. Ein riesen Erfolg, findet Simon Gredig. «Weil es auch zeigt, dass dies ein Anliegen der Bevölkerung ist.» «Schlussendlich geht es um Attraktivität. Die Leute fahren dann Velo, wenn es lässig ist», schliesst der Geschäftsführer. Chur selbst habe gute Voraussetzungen für eine Velo-stadt. Vielerorts flach. Kleine Stadt – jetzt fehlen nur noch Velowege.

Auch wenn die Stadt Chur nicht offiziell bei Cyclomania teilnimmt, ist es trotzdem möglich, an der Challenge mitzumachen. Als Einzelperson und nicht als eine einzelne Person in der Stadt Chur. Die App herunterladen, sich auf den Sattel schwingen und schauen, wo der attraktivste Weg durch Chur führt.

www.provelogr.ch | www.cyclomania.ch

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