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Verein «Ziitbörsa ermöglicht den (Aus)Tausch

Geben und Nehmen, und alle gewinnen: Das ist die Idee des Vereins «Ziitbörsa», dessen Währung Zeit ist.

Bündner Woche
10.11.22 - 04:30 Uhr
Aus dem Leben
Zeit statt Geld: Im Verein «Ziitbörsa» werden Dienstleistungen getauscht und mit Zeit abgegolten.
Zeit statt Geld: Im Verein «Ziitbörsa» werden Dienstleistungen getauscht und mit Zeit abgegolten.
Cindy Ziegler

von Cindy Ziegler

Im Café «Merz» an der Rossbodenstrasse ist morgens um 9.15 schon viel los. Hinter der Theke bildet sich eine kleine Schlange, die Stühle im Café sind gut besetzt. Man legt eine Pause ein, trifft sich und tauscht sich aus. Oder aber man hat dafür keine Zeit und bestellt den Kaffee to go. Ursi Fontana sitzt an einem Tisch am Fenster, vor sich Milchkaffee in der Tasse, Wasser im Glas und Unterlagen im Sichtmäppli. Die Präsidentin des Vereins «Ziitbörsa» nimmt sich Zeit. Die ist im Verein nämlich zentral. Mehr noch. Sie ist Währung.

Das Prinzip der «Ziitbörsa» ist schnell erklärt. Die Mitglieder geben und nehmen. Sie bieten Dienstleistungen an und beziehen von anderen ebensolche. Bezahlt wird nicht mit Geld, sondern mit Zeit. Dabei ist eine Stunde immer eine Stunde. Alle Dienstleistungen sind gleichwertig. «Wichtig ist, dass der Dienst innerhalb des Vereins kompensiert wird und nicht eins zu eins», erklärt Ursi Fontana.

Die Churerin nimmt einen Schluck Kaffee. Das gibt Zeit, kurz in die Geschichte einzutauchen. Tauschhandel gibt es schon lange. Bis zur Einführung des Geldes existierte beispielsweise bei den Römern ein Tauschvertrag, bei dem die Parteien Waren von ungefähr gleichem Wert austauschten. Noch im Mittelalter überwog die Methode, dass Waren den Besitzer oder die Besitzerin wechselten, ohne dass dafür Geld bezahlt wurde. Später wurde der Tauschvertrag immer öfter mit dem Kaufvertrag ersetzt. Wenn das Geld knapp war, blieb man dennoch beim Tauschen. In den letzten Jahren erfuhren Tauschbörsen ein Revival. Denn sie entlasten nicht nur das Portemonnaie, sondern auch den Planeten.

Ein Tauschbeispiel
Ruth geht hie und da mit Frau Müllers Hund spazieren. Frau Müller zahlt Ruth nicht mit Geld, sondern bügelt die Wäsche von Herrn Muster. Herr Muster revanchiert sich, indem er Rolf eine PC-Einführung gibt. Ruth benötigt ihre Zeitgutschrift für einen Französischkurs bei Frau Bonjour. Frau Bonjour ist gehbehindert und ist froh um den Einkaufsservice, den Rolf ihr anbietet. 

Bei der «Ziitbörsa» wird Arbeit nicht mit Geld bezahlt. Die Zeit, die jemand gibt, wird auf dem Konto der gebenden Person gutgeschrieben. Bezieht man dann eine Dienstleistung, wird die Zeit, die dafür in Anspruch genommen wurde, vom Konto abgezogen. Auf einer Karte wird der Saldo festgehalten. Bei der «Ziitbörsa» ist jede Tätigkeit gleichwertig. Eine Stunde ist immer eine Stunde.

Schon seit 16 Jahren gibt es den Verein in der Umgebung Chur. Die Präsidentin ist selbst seit acht Jahren dabei. «Ich ging damals in Pension und suchte nach einer neuen Aufgabe», erzählt sie. Ausserdem war sie damals frisch nach Chur gezogen. Die «Ziitbörsa» schien ihr für beide neue Lebenssituationen passend. Ursi Fontana bot Hilfe bei Computerfragen aller Art. Sie erstellte Fotoalben, plante Reisen übers Internet oder bot Orientierung auf Webseiten. Im Gegenzug halfen ihr Vereinsmitglieder bei handwerklichen Aufgaben, im Garten und bei der Bedienung der Nähmaschine. «Die Rubriken sind sehr vielseitig. Und bestimmt hat jeder und jede etwas, was er oder sie anbieten könnte», meint Ursi Fontana. Es gehe bei der «Ziitbörsa» eher um kleine Dienstleistungen und nicht darum, Unternehmen zu konkurrenzieren.

«Spannenderweise fällt es den meisten Menschen leichter, Zeit zu schenken, anstatt sie zu beziehen», sagt Ursi Fontana. Vielleicht, weil es sich komisch anfühlt, eine Dienstleistung nicht mit Geld zu bezahlen. Schliesslich hätte dieses in unserer Gesellschaft einen sehr hohen Stellenwert. Aber ebenso die Zeit. «Davon haben wir tendenziell immer weniger. Sogar wir Pensionierten», meint sie lachend. Und irgendwie hänge beides ja ohnehin zusammen. Zeit und Geld. «Nicht nur so gibt es die Bezeichnung Stundenlohn.» Passender wie bei der «Ziitbörsa» ist der Begriff wohl selten.

«Mit dem Tauschen entsteht auch immer ein Austausch»

Ursi Fontana

Ursi Fontana ist überzeugt, dass bei der «Ziitbörsa» alle profitieren. Dass beim Geben und Nehmen alle gewinnen. Und das nicht nur in Form von Dienstleistungen. «Mit dem Tauschen entsteht auch immer ein Austausch. Es entwickeln sich Beziehungen. Soziale Kontakte.» Als Verein pflege die «Ziitbörsa» auch ein Vereinsleben. Zweimal im Monat treffen sich die Mitglieder. Und auch sonst immer mal wieder dazwischen. «Man kennt sich untereinander», so die Präsidentin.

Den Mitgliederbeitrag halte der Verein bewusst tief. Alle sollen die Möglichkeit bekommen, Zeit zu nehmen und zu geben. Ursi Fontana wünscht sich, dass das Portemonnaie auch in Zukunft öfters mal stecken gelassen und sich Zeit geschenkt wird. «Denn das ist doch schön», sagt sie und zeigt auf die Menschen, die sich um uns herum unterhalten.

Weitere Informationen und Anmeldung unter www.ziitboersa-chur.ch.

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