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Über die Bergspitze hinaus – der Verlust der Biodiversität

Im Gespräch mit Dr. Anne Kempel spürt Maja Redies von Klimastreik Davos dem Verlust der Biodiversität nach.

Davoser
Zeitung
19.02.22 - 17:26 Uhr
Aus dem Leben
In einem schweizweiten Projekt haben Freiwillige Fundstellen der 713 seltensten und gefährdetsten Pflanzenarten in der Schweiz aufgesucht. Das Alarmierende: 27 Prozent der 8024 Populationen konnten nicht wiedergefunden werden, vor allem jene von bereits jetzt stark gefährdeten Arten – auch in den Alpen.
In einem schweizweiten Projekt haben Freiwillige Fundstellen der 713 seltensten und gefährdetsten Pflanzenarten in der Schweiz aufgesucht. Das Alarmierende: 27 Prozent der 8024 Populationen konnten nicht wiedergefunden werden, vor allem jene von bereits jetzt stark gefährdeten Arten – auch in den Alpen.
zVg/Andreas Gygax

Ein Thema, über das im Zuge der Klimakrise weniger gesprochen wird, ist die Biodiversitätskrise. Auch sie wird durch die Erwärmung befeuert. Es wird von einem sechsten Massenaussterben gesprochen. So sehen wir jetzt schon einen Rückgang von Populations­grössen von Tieren von 68 Prozent. Doch wie ist das hier in Davos? Dazu haben wir mit Dr. Anne Kempel gesprochen. Sie forscht am WSL zu Gebirgsökosystemen und der alpinen Umwelt. Im folgenden Interview wird sie erklären, wieso Bio­diversität für uns existenziell und inwiefern sie gefährdet ist.

Warum ist eine hohe Biodiversität wichtig?

Je höher die Diversität eines Ökosystems, desto höher auch seine Leistung. Gleichzeitig ist die Diversität auch eine Art Backup. Wenn eine Art in einem System ihre Funktion nicht mehr erfüllt, kann eine andere ihre Aufgaben übernehmen. Eine hohe Biodiversität ist somit quasi eine Versicherung für die Stabilität unserer Ökosysteme, und nicht zuletzt für unsere Lebensmittelversorgung.

Wir stecken in einer Biodiversitäts­krise – wie zeigt sich diese in unserer Region jetzt schon?

Für den gravierenden Rückgang der ­Diversität, welchen wir jetzt schon sehen, ist vor allem die intensive Landnutzung verantwortlich. Darunter fällt zum Beispiel die Benutzung von Dünger und ­Pestiziden. Diese Mittel führen zu einem Verlust von Lebensräumen und ver­ändern Pflanzengemeinschaften. Im Grünland zum Beispiel bewirkt eine ­intensivere Landnutzung, dass vor allem schnell wachsende, konkurrenzstarke Pflanzenarten überleben und spezialisiertere Arten zurückgehen. Da dies überall passiert, sehen wir schon jetzt eine Homogenisierung in der Arten­zusammensetzung. Diese globalen Entwicklungen sind auch für das Insektensterben verantwortlich. Hier in den Bergen sind es noch andere Aspekte, die den Verlust der Artenvielfalt vorantreiben. Viele Wiesen werden beispielsweise nicht mehr bewirtschaftet, weshalb der Wald wieder nachwächst. Auf diesen Bergwiesen findet man aber eine hohe und sehr spezielle Flora und Fauna, die zurückgeht, wenn die Flächen aufgegeben werden. Auch wenn ­dieser Prozess nur langsam voranschreitet, kann er für uns spürbare Folgen haben.

Und welche Rolle spielt hierbei die Klimaerwärmung?

Pflanzen suchen immer nach Lebens­räumen, in welchen das Klima für sie ­optimal ist. Wenn es wärmer wird, ­verschiebt sich dieses sogenannte Klimaoptimum geografisch nach oben. Irgendwann sind die Pflanzen aber auf den Berggipfeln angelangt, und dann kommen andere, konkurrenzfähigere Arten nach. Jetzt schon betroffen sind vor allem auf hohen Gipfeln vorkommende, sehr seltene Arten. Bis diese aussterben, wird es zwar noch eine Weile dauern, lang­fristig aber könnten dadurch viele seltene Arten verschwinden. Auch Insekten ­reagieren auf die Klimaerwärmung. ­Einige wärmeliebende Arten wandern in den Norden oder besiedeln höher gelegene Gebiete, wie zum Beispiel die Tigermücke oder die Gottesanbeterin.

Birgt dies auch Risiken von Schäd­lingen?

Ja. Das Risiko besteht einerseits darin, dass mehr Schädlinge einwandern, andererseits können diese sich auch schneller verbreiten. Ein Beispiel dafür ist der Borkenkäfer. Dieser ist schädlich für Bäume, und wir müssen auch in Davos vermehrt Schäden erwarten. Die hiesigen Bäume werden durch trockenere und wärmere Sommer zunehmend gestresster und ­dadurch anfälliger für Schädlinge. In den Alpen nehmen die Bäume eine essentielle Rolle ein: Sie schützen uns vor Lawinen. Wenn unsere Wälder geschwächt werden, wird auch ihre Schutzfunktion ­verringert.

Was erwartet uns langfristig?

In unserer Region wird sich die Biodiversität nicht zwingend verringern, das Landschaftsbild wird sich aber ver­ändern. In Zukunft werden Laub- und Mischwälder hier Einzug finden, es ­werden viele Arten aus dem Unterland hinaufwandern, irgendwann könnte es hier sogar ein bisschen wie im Tessin aussehen. Extrem-Wetterereignisse werden weiter zunehmen. Um uns davor zu schützen, sind funktionierende Öko­systeme essentiell. Die wichtigste Schutzfunktion gegen Lawinen, Bergstürze oder Murgänge sind und bleiben unsere ­Wälder.

Zum Ende des Interviews appelliert Dr. Kempel noch einmal an unsere Ver­antwortung: Es gehe darum, den unglaublichen Wert unserer Natur, unserer Ökosysteme zu erkennen, und dementsprechend zu handeln. Die Biodiversitätskrise und die Klimakrise, zwei sich gegenseitig befeuernde, verbundene Krisen, eine gravierender als die andere, ­beide ausgelöst durch menschliches Handeln, können nur wir Menschen jetzt noch stoppen. Wir danken Dr. Kempel für ihre Zeit und das Interview.

Weiterführende Informationen gibt es zum Beispiel unter bafu.admin.ch 

Interview von Maja Redies im Namen des Klimastreiks Davos.

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