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Psychische Bauchschmerzen

In dieser Ausgabe geht es weiter mit den Texten, die die Psychologin Sandy Krammer der DZ für ihre Leserschaft zur Ver­fügung stellt. Dieses Mal geht es um die Psychosomatik. Gehört und gebraucht hat wohl jedermann diesen Begriff schon. Doch was steckt eigentlich dahinter?

Davoser
Zeitung
06.03.23 - 16:41 Uhr
Leben & Freizeit
Leben auf der Überholspur kann zu psychosomatischen Symptomen führen.
Leben auf der Überholspur kann zu psychosomatischen Symptomen führen.
Rainer Sturm/pixelio.de

Frau Müller war eine wahre Alleskönnerin: Aufmerksame Mutter von drei Kindern im Schulalter, liebevolle Ehefrau, pflegende Tochter der betagten Eltern, leidenschaftliche Sportlerin, alles in einem und eine für alles. Und irgendwie gelang Frau Müller dieser Jonglier-Akt über eine beachtlich lange Zeit. Doch im Laufe der letzten anderthalb Jahre stellten sich mehr und mehr Bauchschmerzen ein, die Frau Müller mitunter tagelang aus dem Verkehr zogen. Der Gang zu mehreren Ärzten förderte keinen organmedizinisch klaren Befund zutage. Das Arsenal an Medikamenten verschaffte jeweils kurze Linderung, doch keine Genesung. Die Bauchschmerzen kehrten immer wieder und ausdauernd zurück. Was war los?

Wahrscheinlich kennen Sie die folgenden Redearten: «man findet etwas zum Kotzen», «man erstarrt vor Angst», «etwas hat einem den Appetit genommen», «jemandem bleibt vor Schreck die Luft weg», «man errötet vor Scham» oder «einem schmerzt das Herz». Dies sind nur wenige Beispiele, der Volksmund beherbergt viele weitere, ähnlich gelagerte Ausdrücke. Im Grunde genommen geht es beim Begriff der Psychosomatik genau um denjenigen Zusammenhang zwischen dem Körper («Soma») und der Psyche, der mit diesen Worten aus dem Volksmund zum Ausdruck gebracht wird. Es geht um die Verbindung zwischen Psyche und Körper, die keine separaten Dinge sind, sondern die miteinander in enger Beziehung und regem Austausch stehen.

Und dass die Psyche und der Körper eng verbunden sind und einander beeinflussen, ist völlig normal. So hat die Psychosomatik zunächst nichts mit Krankheit zu tun, sondern dahinter liegen gewöhnliche Prozesse, also Alltagssymptome, wie der vorhin zitierte Volksmund sie kennt. Zum Beispiel eine Schülerin, die bewegungsarm an ihrem Pult sitzt, eine schwierige Prüfung vor sich liegend, und das Herz schlägt ihr schnell und stark bis zum Hals. Warum tut es das? Es gibt ­keinen körperlichen Grund, dies zu tun – sie sitzt ruhig am Tisch und rennt nicht etwa vor einem Tiger davon. Oder zum Beispiel ein Mann, der entspannt eine Strasse entlangschlendert und eine wunderschöne Frau erblickt, wobei ihm der Atem stockt. Warum stockt ihm der Atem? Es gibt auch hier keinen körper­lichen Grund für dieses körperliche Symptom. In beiden Beispielen wirkt sich ­etwas, das psychisch ist (Prüfungsstress beziehungsweise sich verlieben), auf den Körper aus. Sind die körperlichen Reaktionen auf psychischen Stress einmalig, selten oder kurzfristig, so wie in diesen Beispielen, besteht meist kein Anlass zur Beunruhigung. Doch halten solche Symptome an oder kehren sie immer wieder zurück, lösen sie Leiden und Beeinträchtigungen aus, dann ist das Wechselspiel zwischen Psyche und Körper gestört und womöglich liegt eine psychosomatische Störung vor.

Dabei ist anzumerken, dass psychosomatische Störungen nicht simuliert sind. Betroffene Personen täuschen keine körperlichen Symptome vor, sondern diese sind echt, jedoch nicht oder nicht ausschliesslich durch körperliche Gründe ausgelöst.

Es ist kaum der Fall, dass der Autor Christian Morgenstern Frau Müller vor Augen hatte, als er folgende Worte schrieb: «Der Körper ist der Übersetzer der Seele ins Sichtbare». Doch passen täte es. Aller Wahrscheinlichkeit nach machte Frau Müllers’ Körper die Herausforderungen sichtbar, die ihr Leben auf der Überholspur mit sich brachte. Dabei ist Stress an und für sich nicht weiter tragisch – ein gesunder Körper ist absolut in der Lage, damit umzugehen. Mehr noch: etwas Stress trainiert und stärkt. Doch hält ebendieser lange an oder gerät man immer wieder in knifflige Situationen, dann kann dies negative Folgen nach sich ziehen. Schliesslich bricht bei genügend Belastung irgendwann auch der stärkste Ast. Und er bricht da, wo seine schwächste Stelle ist. Die mög­lichen Reaktionen sind zahlreich und individuell – zu psychosomatisieren ist eine davon.

Wie ging es weiter mit Frau Müller? Sie erkannte schliesslich, dass ihre Bauchschmerzen im Zusammenhang mit ihrem hohen Stresspegel standen. Dies zu erkennen, erforderte eine gute Portion Mut. In der Folge veränderte Frau Müller die eine oder andere Variable in ihrem Leben. Dazu gehörte die Organisation des Familienalltags, die Pflege der Eltern sowie der Leistungsanspruch im Rahmen des Sports. Verschwunden sind die Bauchschmerzen von Frau Müller (noch) nicht, doch zumindest stellte sich eine erste Besserung ein.

Dr. phil. Sandy Krammer, LL.M.

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