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Geflüchtete Menschen begleiten, Türen öffnen, Neues lernen

In einem Mentoring profitieren Menschen unterschiedlicher Herkunft von gemeinsamen Erfahrungen und vom wert­vollen Austausch.

Davoser
Zeitung
06.10.22 - 17:00 Uhr
Aus dem Leben
Ein Mentorat eröffnet neue Blickwinkel.
Ein Mentorat eröffnet neue Blickwinkel.
zVg

Im Aufenthaltsraum der Beratungsstelle der IG offenes Davos sitzen Angelika Kofler und Hawa Rassulzada. Sie haben sich anfangs Juli durch das Mentoringprojekt kennengelernt und treffen sich seitdem wöchentlich ein bis zwei Stunden. Beide sind sehr gut gelaunt und erzählen, wie es ihnen in den letzten Monaten gegangen ist. Angelika kommt aus Südtirol und wohnt seit drei Jahren in Davos. Hier führt sie als Vital-Masseurin eine eigene Praxis. Hawa kommt aus Afghanistan, ist vor zwei Jahren in die Schweiz gekommen und hat jetzt eine vorläufige Aufenthaltsbewilligung. Sie wohnt im Transitzentrum Landhaus Laret mit ihrem Mann und ihren zwei Jungs.

Hawa: Wieso hast du dir eine Mentorin gewünscht?

Ich habe schon viele Sprachkurse besucht, aber zu Hause sprechen wir nur persisch. Deshalb ist mein Deutsch nicht gut. Ich wollte gern eine Frau in Davos kennenlernen und sie regelmässig treffen, um mit ihr zu reden. Deutschlernen ist für mich wichtig, weil ich schnell eine Arbeit finden möchte.

Wie waren die Treffen mit Angelika für dich?

Sie waren sehr gut. Wir haben einmal pro Woche abgemacht und viel zusammen gesprochen. Angelika ist sehr nett zu mir. Deutsch kann ich jetzt viel besser verstehen und auch schon besser Deutsch sprechen, oder?

Zwei Frauen gehen im Mentoringprojekt der IG offenes Davos gemeinsam ein Stück Integrationsweg.
Zwei Frauen gehen im Mentoringprojekt der IG offenes Davos gemeinsam ein Stück Integrationsweg.
zVg

Angelika: Wieso hast du dich als freiwillige Mentorin angemeldet?

Ich bin ein kontaktfreudiger, hilfsbereiter Mensch. Ich möchte jemandem meine Zeit schenken, jemanden begleiten. Ich war vorher in der Hotellerie tätig und habe deshalb an vielen verschiedenen Orten gelebt. Da ich selbst auch immer Hilfe von anderen bekommen habe, möchte ich dieses Für- und Miteinander selber leben. Dabei ist es mir in diesem Projekt wichtig, die Lebenswelt in der Schweiz herzuzeigen und bei der Integration von geflüchteten Menschen mitzuhelfen.

Wie bist du auf die IG offenes Davos aufmerksam geworden?

Eine Freundin hier in Davos war auch Mentorin. Sie hat mir den Tipp gegeben, mich als Freiwillige bei der IG offenes Davos zu melden. Es sind meine ersten direkten Erfahrungen mit geflüchteten Menschen. So ein Mentorat probiere ich zum ersten Mal aus.

Wie sind deine Erfahrungen?

Die Treffen waren sehr schön: Es ist interessant für mich, Hawa und ihren kulturellen Hintergrund kennenzulernen. Spannend sind Hawas Ideen und Talente. Am Anfang war es für mich wegen der Verständigung schon ein wenig anstrengend, aber das ging mit der Zeit immer besser. Wir haben vor allem viel miteinander gesprochen. Hawa hat mir einmal Gesichtspflege gezeigt, so wie man die in Afghanistan macht. Im Sommer haben wir uns einmal beim Schwarzsee im Laret getroffen. Da hatte sie einen Kuchen für mich gebacken und Tee mitgenommen. Beeindruckend, wie Gastfreundschaft in ihrer Kultur gelebt wird.

Wo habt ihr euch jeweils getroffen?

Am Anfang waren wir im Migros-Restaurant, jetzt sind wir auch bei mir zu Hause.

Hat es mit den Terminen immer gut geklappt?

Nur einmal gab es ein Missverständnis. Ich achte nun noch besser darauf, die Termine ganz klar per Whats-App zu kommunizieren. Das ist ja auch ein gutes Schreibtraining.

Wie wirst du im Projekt begleitet?

Beim ersten Treffen mit der Projektleiterin Daphne habe ich viel über das Mentoring und das Asylwesen in der Schweiz und Graubünden gelernt. Das war für mich interessant und nützlich, weil ich mich vorher noch nie damit befasst hatte. Nachher ging es dann recht schnell. Schon eine Woche später trafen wir uns mit Hawa zu dritt. Dabei unterschrieben wir eine Vereinbarung. Das finde ich gut, weil wir damit klare Abmachungen und Ziele haben. Ich bin aber trotzdem frei, wie ich die Treffen gestalten möchte. Ich bin froh, dass ich mich jederzeit bei Daphne melden kann, wenn ich Fragen habe. Die Kommunikation und die Begleitung stimmen. Das gibt Sicherheit und Struktur. Ich kann allen Interessierten so ein Engagement absolut empfehlen. Es gibt mir viel Befriedigung, macht Sinn, und es ist auch gut für meine persönliche Entwicklung.

Braucht es deiner Meinung nach bestimmte Voraussetzungen als Mentorin oder Mentor?

Ich denke, dass es von Vorteil ist, wenn eine Person hilfsbereit und offen für etwas Neues ist. Jeder Mensch hat aber verschiedene Eigenschaften und Talente, und so kann ein gemeinsamer Weg auch individuell gestaltet sein.

Mentoringprojekt IG offenes Davos
- Treffen einmal pro Woche, 1 bis 2 Stunden
- Mögliche Inhalte: Deutsch üben, bei Hausaufgaben, in Sprachkursen oder in der Berufslehre helfen, den Alltag erklären …
- Etwa 125 Vermittlungen seit 2014
- Etwa 12 aktive Mentorings im Jahr 2022
- Zusammenarbeit mit: Fachstelle Integration, Sozialdienst Davos
- Information und Anmeldung: www.offenesdavos.ch
- Projektleitung: Daphne Bron-van der Schalk

Geflüchtete Menschen eins zu eins beim An- und Weiterkommen unterstützen Interessiert? Infoabend Mentoringprojekt Dienstag, 25.Oktober um 18.15 Uhr im Kirchner Museum Anmeldung per Mail an: daphne.davos@bluewin.ch

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